Wann hast du mit dem Thema Altersdiskriminierung angefangen?
Zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass es ein merkwürdiges Verhältnis zum Alter in diesem Land gibt, als ich als junge Frau in Kalifornien war. Da dachte ich bei mir, die Alten hier sind ganz anders als bei uns. Die haben so etwas wie den aufrechten Gang. Die sind 80 und benehmen sich gar nicht wie 80. Die sind 70 und entsprechen überhaupt nicht dem Bild, was ich hier von 70jährigen bekommen hatte. Oder die sind 50 und kündigen ihren festen Job und fangen eine sogenannte second career an, machen etwas völlig anderes, als sie bisher gemacht haben. Damals war ich vielleicht 22.
Dann war ich 5 Jahre später wieder in Kalifornien, saß in Nordkalifornien im Wald auf der Veranda eines Hotels. Plötzlich hörte ich ein Brummen, das näher kam, es waren zwei Harley Davidsen Fahrer in voller Montur mit Helm und Lederjacke mit Fransen und Stiefeln. Die beiden stellten die Maschinen ab, ich stand oben und guckte runter, und als sie ihre Helme abnahmen, bin ich bald von der Veranda gefallen, denn das waren für mich, als damals nicht 30jährige, ein alter Mann und eine alte Frau, die da auf zwei Motorrädern durch die Gegend fuhren.
Ich war völlig platt. Die beiden kamen die Veranda hoch, wo noch andere außer mir saßen, aber ich war die einzige, die sich darüber wunderte, dass da zwei Alte in Motorradkluft ankamen. Ich war die einzige, und ich war die einzige Europäerin. Da kam wieder das Gefühl: hier ist etwas anders.
Dann habe ich das ganz aus den Augen verloren, und erst als ich 1995 mein erstes Buch, das mit „Alter“ zu tun hatte, schrieb, fiel es mir wieder ein. Der Seniorenführer Köln umfasste mehr als 200 Seiten und war das Ergebnis einer umfangreichen Recherche über Älterwerden in Köln. In diesem Buch habe ich schon einen kleinen Hinweis auf die amerikanische Gesetzgebung über Altersdiskriminierung eingefügt. 1999 habe ich dann mit Freunden zusammen das Büro gegen Altersdiskriminierung als Verein gegründet.
Woher kam eure Motivation?
1999 zeichnete sich ab, dass die öffentlichen Kassen leer waren, die Staatsverschuldung stieg. Wir rechneten das altenfeindliche Klima und die leeren Kassen hoch auf die nächsten 20, 30, 40 Jahre. Was dann? Wir haben gesagt: O.K., dann müssen wir noch mal in den sauren Apfel beißen und politische Arbeit machen, was wir eigentlich nicht mehr wollten, denn wir hatten ja schon eine ganze Menge gemacht. Von Kinderladenbewegung über Frauenbewegung über Antiatombewegung, Antiraketenstationierung, über ich weiß nicht was noch. Eigentlich sollen jetzt mal die anderen ran, wir nicht mehr. Aber es war schnell klar, dass sich niemand um das Thema Alter kümmerte, weder die Politik, noch die Wissenschaft und schon überhaupt nicht die 40, 50, 60jährigen. Von daher war klar, es bewegt sich nichts, also müssen wir etwas bewegen und müssen uns um unsere eigene Zukunft kümmern.
Hattet ihr damals, 1999, beim Gründen des Vereins klare Vorstellungen davon, was ihr erreichen wolltet oder wo ihr hin wolltet?
Wir hatten nie zuvor einen Verein gegründet, wir waren auch in keinem Verein Mitglied, und fanden das deutsche Vereinswesen entsetzlich. Es war aber damals schon klar, dass du als Individuum in diesem Land gesellschaftspolitisch überhaupt nicht existierst. Um wahrgenommen zu werden, musst du entweder berühmt sein, viel Geld haben, oder eben einen Verein, eine Stiftung, eine Organisation hinter dir haben. Sonst nimmt dich keiner wahr mit deinem Anliegen.
Gibt es den Verein noch?
Nein. 1999 haben wir den Verein gegründet, und zehn Jahre später haben wir ihn aufgelöst. Die Aversion gegen das Vereinswesen kam immer wieder hoch. Das Vereinswesen ist ein seltsames Wesen. Und wenn du den Verein ehrenamtlich betreibst, ohne Öffentliche Gelder und bezahlte Arbeitskräfte, ist es ziemlich grauenvoll.
Warum?
Die meisten Mitglieder haben leider eine absolute Anspruchshaltung und Bedienungsmentalität. Sie erwarten, dass sie alles von dir auf dem silbernen Tablett serviert bekommen. Nach drei Mahnungen lassen sie sich herab, endlich 15 € Jahresbeitrag zu zahlen. Und es ist ihnen wurscht, ob die MacherInnen alles in ihrer Freizeit erledigen oder ohne Vereinsbüro zu Hause in ihrer Wohnung. Viele jammern darüber, dass sich nichts bewegt und nichts passiert, aber selbst kriegen sie den Hintern nicht hoch.
Wieviele Mitglieder hattet ihr?
Wir hatten zu unseren Hochzeiten ca. 600 Mitglieder aus der ganzen Republik.
Habt ihr das verwalten können?
Mitglieder machen viel viel Arbeit. Erst muss das neue Mitglied „erfasst“ werden, dann bekommt es einen Begrüßungsbrief, und dieser muss erst geschrieben, dann gedruckt, gefaltet, kuvertiert, frankiert und zur Post gebracht werden. Das dauert, und das ist nicht unbedingt lustig. Dann müssen Vereinsversammlungen abgehalten werden. Dazu braucht es Einladungen, die termingerecht geschrieben und verschickt werden müssen, Notizen, die zum Protokoll umgeschrieben werden und unterschrieben werden müssen. Jahresberichte müssen erstellt werden, Buchhaltung gemacht, Spendenbescheinigungen ausgestellt und verschickt werden, Jesses, da verstehst du, was Verwaltung ist. Sie breitet sich aus. Immer mehr Aktenordner, mehr Büromaterial, Karteikästen, Computer.
Es wird deutlich, dass du keine Lust hattest auf so eine Konstruktion.
Das durchzuhalten war nur möglich, weil wir durch die vereinsrechtliche Konstruktion Zugriff auf einen Pool von schwervermittelbaren Langzeitarbeitslosen hatten, die in öffentlich geförderte „Maßnahmen“ gesteckt werden, um Anschluss auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Dadurch hatten wir einen jungen Mann, der gut mit dem Computer umgehen konnte und die Verwaltungsarbeit gemacht hat. Aber halt alles in meiner Wohnung.
Würdest du sagen, dass die zehn Jahre Verein inhaltlich etwas gebracht haben?
Ja. 1999 gab es nicht mal das Wort Altersdiskriminierung, es gab kein Bewusstsein dafür. Aber es existierte diese unterschwellige altenfeindliche Stimmung. Um das empirisch zu belegen haben wir 2001 den ersten bundesweiten Beschwerdetag zum Thema Altersdiskriminierung organisiert. Die holländische Regierung hatte schon Jahre zuvor solch einen nationalen Beschwerdetag in Holland gemacht, um festzustellen: gibt es das überhaupt, Altersdiskriminierung?
In Holland war das eine staatliche Initiative, aus Steuermitteln finanziert. Promis waren involviert, die das Thema im Vorfeld publik machten und später an Telefonen die Beschwerden über Altersdiskriminierung entgegennahmen. Ich war sehr naiv und dachte, so machen wir das bei uns jetzt auch.
Wir haben Briefe geschrieben an die Ministerien, an den Bundestagspräsidenten, an Parteien, um die Idee vorzustellen und um Unterstützung zu bitten. Wir haben z.B. angefragt, ob wir das Telefonsystem der Bundespressekonferenz für einen Tag benutzen könnten. Aber ganz typisch, entweder es kam eine Absage, oder nicht mal eine Antwort. Wir haben den ersten bundesweiten Beschwerdetag dann als unbezahltes Projekt gemacht. Mit tatkräftiger Unterstützung vieler Leute, die ihre unterschiedlichen Interessen und Qualifikationen eingebracht haben. Projekte habe ich immer schon mit großer Begeisterung entwickelt und realisiert, das bereitet mir Freude, und das kann ich. Dieses bundesweite Projekt, das war aber neu für mich und eine große Herausforderung.
Hattet ihr Material zum Verteilen?
Ja, aber erst, nachdem wir uns überlegt hatten, welches Material wir brauchen, was wir draufschreiben, wie wir es gestalten, verteilen und an wen. Zum Glück hatten wir Texter, Layouter und Drucker in der Gruppe, sonst hätte das nicht funktioniert. Wir haben die kleinsten Untergliederungen von Gewerkschaften besucht, haben Kontakt mit den kleinsten Initiativen aufgenommen, wurden eingeladen, vor allem in den Osten, das war toll, die vielen fitten Leute dort. An der Resonanz merkten wir, dass Altersdiskriminierung ein Thema ist. Eine Frau hat mal gesagt: jetzt habe ich einen Begriff dafür, jetzt fallen mir noch fünf oder zehn andere Beispiele ein.
Die Vorbereitung hat ein Jahr gedauert, und da ich damals noch relativ viel für den WDR gearbeitet habe, habe ich beim WDR angefragt, ob sie uns am Beschwerdetag Telefone zur Verfügung stellen würden. Es war super, als die entschieden, ja, hier können Sie zehn Telefone haben.
Wir haben den Buß- und Bettag als Beschwerdetag ausgesucht, weil die Abschaffung dieses Feiertags praktisch der Einstieg in den Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung der Sozialsysteme war. Das Sozialministerium des Freistaats Thüringen wurde sogar offizieller Unterstützer des Beschwerdetags, außerdem Rat und Verwaltung der Landeshauptstadt Erfurt, das Kuratorium Deutsche Altershilfe, der Bund der Ruhestandsbeamten Brandenburg und Thüringen, insgesamt konnten wir 61 offizielle Unterstützer zusammenbringen. Wir hatten Telefone in der Landeshauptstadt Erfurt, in Lübeck, bei den Grauen in Berlin, in Thüringen und eben die meisten beim WDR. Auf diese Telefone war eine Nummer geschaltet, da konnten die Leute anrufen.
Saß denn jemand am anderen Ende des Telefons oder war das ein Band?
Wir hatten als Vorgabe für eventuelle Beschwerden die Ergebnisse aus Holland. Auf dieser Basis hatten wir einen vierseitigen Notizbogen entwickelt und 250 Ehrenamtliche organisiert, die an den Telefonen saßen, um die Beschwerden zu notieren. Die Ehrenamtlichen waren z.T. auf eigene Kosten bis aus München angereist, um sich für ein paar Stunden in Köln ans Telefon zu setzen. Am Abend, bevor es los ging, traf ich den betreuenden Redakteur, der sagte zu mir: Frau Schweitzer Sie müssen nicht nervös sein, Sie wissen doch wie das ist bei diesen Mitmachsendungen, da rufen zum Schluss oft die Sekretärinnen aus der Redaktion an, damit überhaupt jemand anruft.
Am nächsten Tag um zehn Uhr morgens waren alle Telefonleitungen zusammengebrochen, so viele Leute wollten ihre Beschwerde durchgeben. Der erste Anruf, das war das Allertollste, kam aus Ägypten. Das war eine Frau, die lebte in Ägypten, weil dort ihr Sohn oder ihre Tochter lebte, und sie hatte, als sie zu Besuch hier war, das mit dem Beschwerdetag mitbekommen und rief nun aus Ägypten an und meinte, es würde in D. immer schlimmer mit der Altersdiskriminierung. Sie könne das gut beurteilen, weil sie immer nur ab und zu nach D. käme.
Am nächsten Tag lagen da gefühlte zehn Meter hoch die Notizbögen. Zum Glück war auch eine Mathematikerin im Projekt. Sie hat erarbeitet, wie wir die Fragebögen auswerten und die Ergebnisse grafisch darstellen können. Insgesamt haben wir 1.589 Beschwerden ausgewertet, differenziert nach Alter, Geschlecht und gesellschaftlichem Bereich. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, haben wir auch noch jeden gesellschaftlichen Bereich in mindestens vier Unterkategorien differenziert. www.altersdiskriminierung.de/ueberuns/ueberuns.php?id=beschwerdetag
Solch differenzierte Auswertungen gab es damals noch nicht.
Das hat gedauert. Monate.
2002 waren wir endlich fertig, und wir gingen alle auf dem Zahnfleisch. Ich habe mich deshalb an das Bundesfamilienministerium gewandt und ihnen gesagt, dass wir diese wunderbare Untersuchung haben und den Beschwerdetag dokumentieren wollen, dass wir aber dafür Geld brauchen, und sie haben uns nach dem Ausfüllen diverser Formulare tatsächlich 5.000 € überwiesen.
Da wir ja immer noch den uns sehr wohlgesonnenen Drucker mit im Boot hatten, konnten wir voller Zuversicht die Texte für die Dokumentation schreiben, die Grafiken erstellen, das ganze in eine Form bringen und es drucken lassen. Schließlich haben wir die Dokumentation per Post verschickt, und damit war unser Projekt beendet. Wir hatten belegt, dass es Altersdiskriminierung gibt, dass Frauen dafür sehr viel sensibler sind, als Männer, und dass die Beschwerden über Altersdiskriminierung im Arbeitsleben mit Abstand die häufigsten waren.
Danach war ich in diversen Fernsehsendungen zu Gast und konnte die Ergebnisse vorstellen. Dadurch wuchs wiederum die Mitgliederzahl. Den Leuten gefiel, was wir machten und sie hofften, dass sie jemand in ihren nicht vorhandenen Rechten stärken könnte. Das war 2002.
Im Jahr 2000 hatte die Europäische Union Richtlinien verabschiedet, die den Schutz der europäischen Bürger unter anderem auch vor Altersdiskriminierung vorsahen. Diese mussten bis 2004 in jedem europäischen Staat in nationales Recht umgesetzt werden. Das hat in diesem Land aber bis 2006 gedauert. Das Gesetz, das schließlich verabschiedet wurde, schützt „nur“ vor Altersdiskriminierung im Berufsleben und bei Massengeschäften.
Was ist ein Massengeschäft?
Ein Massengeschäft ist ein Geschäft, das ohne Ansehen der Person abgeschlossen wird, zum Beispiel wenn du im Supermarkt eine Flasche Bier kaufen willst. Im Prinzip ist ein Massengeschäft alles, wozu kein Vertrag nötig ist.
Lass uns mal über die Internetseite sprechen www.altersdiskriminierung.de, wann seid ihr damit online gegangen?
Die haben wir 2002 eingerichtet. Anfangs ein bißchen kläglich, nicht sehr professionell. Damals kamen ja noch viele Faxe, die Leute schrieben sogar noch Briefe. Die Frage stellte sich, was machen wir damit? Als die Leute dann zunehmend Emails schickten, haben wir entschieden, die Webseite als Archiv zu nehmen. Dadurch ist das Material allen zugänglich, und wir haben es von der Backe. Dazu kam, dass die Webseite seit 2004 von einer Werbeagentur gesponsert wird, um sich sozial zu engagieren. Das ist natürlich ein Glücksfall. Im vergangenen Jahr hatten wir 1,5 Millionen Zugriffe. Recherchieren kann man bis einschließlich 2008, die Jahre davor haben wir dicht gemacht, die sind nur auf Anfrage zugänglich.
Ich finde die Seite funktioniert wie ein Blog. Du bedienst sie ja täglich mit neuen Eintragungen. Das finde ich übrigens bewundernswert wie du die Seite aktuell hältst.
Ich schreibe ja relativ wenig, das meiste schicken die Leute.
Ja aber du bedienst die Seite mit den Beiträgen der Leute, es ist offensichtlich, dass jemand täglich Inhalte postet.
Ich denke oft, jetzt gibt es wirklich kein Beispiel für Altersdiskriminierung, was uns noch nicht zugeschickt worden ist, aber es scheint ein unerschöpfliches Thema zu sein, vor allem, weil die Leute sehr viel sensibler geworden sind. Außerdem tun Politik und Medien ja einiges, damit uns das Thema erhalten bleibt.
Ich habe auf der Seite ein paar Sätze gefunden, die ich sehr schön finde, wie zum Beispiel:
Die Menschen sind nicht gleich, aber sie haben das Recht auf gleiche Behandlung, unabhängig vom Lebensalter.
Im Grunde ein einfacher Satz. Er tut mir gut, wenn ich ihn lese. Oder da steht auch:
Denken Sie immer daran: das Recht auf Gleichbehandlung ist ein Grundrecht.
Es stärkt, wenn man solche Sätze liest. Zudem ist die Seite auch als „Klagemauer“ gedacht, das schreibt ihr ja. Wie oft kriegst du Nachrichten von Menschen, die sich beklagen?
Im Schnitt so drei bis fünf Emails pro Arbeitstag.
Was machst du mit denen?
Ich lese sie und korrigiere sie weitestgehend orthografisch oder grammatikalisch und entscheide, ob ich sie auf die Webseite stelle oder archiviere, ob ich antworte oder die Mail weiterleite. Manche Leute werden durch die Veröffentlichung ihrer Nachricht richtig angefixt. Zur Zeit gibt es eine Frau, die ist Künstlerin und über 35. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass es kaum Stipendien gibt für KünstlerInnen über 35.
Es ist ja auch politische Arbeit, was ich mache. In den meisten Fällen gibt es keine juristische Handhabe, ist nicht justitiabel was altersdiskriminierendes passiert. Banken und Versicherungen dürfen Altersdiskriminierung betreiben, und institutionelle Diskriminierungen, z.B. im Pflegebereich oder in der Rentenpolitik sind ebenfalls erlaubt. Ich mache die Leute darauf aufmerksam, dass es z.B. eine neue EU Richtlinie gibt. Würde die realisiert, wäre z.B. jegliche Altersdiskriminierung im Bereich der Weiterbildung und der Gesundheitsversorgung verboten. Wir haben aktuell aber die Situation, dass die schwarz- gelbe Koalition in ihren Koalitionsvertrag ausdrücklich hereingeschrieben hat, dass sie gegen die neue Antidiskriminierungs-Richtlinie der EU ist.
Außerdem ist unsere Webseite natürlich auch Futter für JournalistInnen oder StudentInnen, die sich dort oft schamlos bedienen, ohne zu zitieren.
Eben hast du eine junge Frau erwähnt, es geht also um Menschen egal welchen Alters, die wegen ihres Alters diskriminiert werden.
Ja , diese Künstlerin fällt, weil sie über 35 ist, aus den Förderkriterien heraus. Das geht doch nicht! Stipendien sind eine wichtige Einnahmequelle für KünsterInnen. Außerdem muss man sich fragen, wer hat diese Altersgrenze festgelegt und warum? Warum 35 und nicht 36, oder 40 oder 50 oder 25?
Ihr habt ja auch eine neue Rubrik dazugenommen, Uni & Co.
Die Beispiele aus dem Bereich der Universität nehmen zu. Ab 30 giltst du als zu alt, um Bafög zu bekommen, mit 28 plus kannst du dich nicht mehr um ein Promotionsstipendium bewerben. Du hast Schwierigkeiten im wissenschaftlichen Mittelbau, wenn du über 40 bist. Gerade hat das Kabinett beschlossen, die Altersgrenze für den Master Studiengang von 30 auf 35 anzuheben. Aber 35 ist auch ein Witz, denn die Gesellschaft wird älter, außerdem landet man schnell bei der Mehrfachdiskriminierung. Frauen, die zuerst ihre Familienphase machen, und wenn die Kinder größer sind, studieren wollen, können das oft nicht, weil sie angeblich zu alt sind. Das ist doch unmöglich!
Dann wollte ich noch auf die Goldenen Falte zu sprechen kommen.
Wir bekamen ständig zu hören: warum heißt es Büro gegen Altersdiskriminierung, das klingt so negativ, man muss für etwas sein, also positiv sein. Da haben wir gesagt: ok, dann machen wir jetzt etwas Positives, und deshalb zeichnen wir alle zwei Jahre eine Person oder eine Initiative oder Idee mit der Goldenen Falte aus.
Ist die goldenen Falte ein Gegenstand?
Das sollte mal ein Gegenstand werden, ist aber nichts draus geworden, weil es zu teuer war.
Ich habe gesucht ob irgendwo eine Liste ist mit all denen, die schon die goldene Falte bekommen haben.
Ja gibt’s unter www.goldenefalte.de Und wenn jemand einen Vorschlag machen möchte, für die Goldene Falte 2010, einfach ne Mail schicken mit Begründung.
Wenn ich dir so zuhöre und auch wenn ich die Webseite sehe, dann habe ich den Eindruck das ist ein Thema, das kannst du bis an dein Lebensende behandeln.
Das stimmt. Nimm z.B. die institutionellen Diskriminierungen im Bereich der Pflege. Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass es einen unglaublichen Personalmangel in Pflegeheimen gibt, dass die Arbeitenden in den ambulanten Pflegediensten miserabel bezahlt werden, miserabel ausgebildet sind. Das ist für mich auch Altersdiskriminierung. Und eine doppelte Diskriminierung noch dazu, denn die Mehrzahl der Pflegenden sind Frauen, und das bedeutet, dass die alte Frau, die vorher ihren Mann gepflegt hat, verraten und verkauft ist, wenn sie selbst pflegebedürftig wird. Das sind institutionelle Diskriminierungen, die ich zum Kotzen finde.
Hast du die Zuversicht, dass sich das im Lauf der Generationen ändern wird.
Ich habe diese Zuversicht, weil es in den angelsächsischen Ländern anders läuft. Die Kanadier haben seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts Gesetze gegen Altersdiskriminierung, die Amerikaner seit 1967, die Engländer waren die ersten in Europa die sie hatten, und ich meine festgestellt zu haben, dass sich dadurch am Bewusstsein etwas verändert hat.
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