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Zum Gespräch trafen wir uns am 15. Mai 2009 in El Pozo de los Frailes, im Naturpark Cabo de Gata, in Andalusien.
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Alt. Ich bin nun auf der Schwelle des Alters und mache mir natürlich Gedanken, wie ich diese Zeit in meinem Leben gestalten will, und ich habe oft sehr düstere Visionen über das Alter. Ich denke, wir dürfen das nicht romantisieren, und ich wünsche mir, dass ich unter Älteren, Alten und auch im Gespräch mit Jungen laut und deutlich sagen darf, dass es ein Drama ist, Jugend und Schönheit zu verlieren, die Gesundheit zu verlieren, Einschränkungen zu erleben, körperlicher Art, möglicherweise auch geistiger Art, müder zu werden, vergesslicher zu werden, und das Gefühl zu haben, die Dinge interessieren nicht mehr so leidenschaftlich wie das mal früher gewesen ist.
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Es schiebt sich auch bei feministischen Frauen ein Bild vor die Linse. Das ist die taffe fitte Alte, die Sport treibt, gut frisiert ist, gute Zähne hat, implantiert, die auch, natürlich, gut versichert ist und gut abgesichert ist.
Diese fitte Alte bestimmt das Bild sowohl in der Politik als auch in den Herzen der Menschen, so glaube ich, ganz stark. So sollen wir sein, und natürlich würden wir auch gern so sein wollen, keine Frage. Da ist ja an und für sich nichts Schlechtes dran, wenn man fit ist, aber es stimmt ja nicht. |
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Ich habe mindestens zwei üble chronische Krankheiten, viele andere Frauen, die ich kenne, leiden schwer an diesem und jenem, an den Gelenken und werden von Brustkrebs attackiert und vielem mehr. Es ist ein Leiden und ein Drama, und trotzdem wird es sehr verächtlich gemacht, wenn wir miteinander über Krankheiten sprechen oder über Medikamente.
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Ich finde das absolut wichtig, dass wir das tun, dass wir unsere Leiden benennen können und unsere Ängste. Es ist jetzt wirklich tabuisiert. Wie konnte das passieren, gerade unter Feministinnen ?
Ich glaube, das konnte passieren, weil wir da auch noch kein Vorbild haben, und wir können uns ja nicht die kranke, leidende Alte als Vorbild nehmen. Es gibt nichts, keine Vision, wir müssen das erst selber erleben und sehen, was wir damit machen. Wir haben keine Hilfe, wir haben überhaupt keine Hilfe als Feministinnen beim Altwerden, natürlich wieder, außer uns selbst.
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Ich hatte früher gehofft, wir würden, wenn wir mal alt sind, ein bedingungsloses Grundeinkommen haben. |
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Wir selbst müssen uns daran erinnern, dass wir nichts tabuisieren dürfen, dass das, was kommt, kein Fest ist und keine Zeit des Tanzens und der Freude. Es kommen auch Sachen, die wir noch nicht kennen, und natürlich wäre es gut, wenn wir schon positive Pläne hätten, was wir daraus machen. Ich sehe im Moment noch keine. Ich sehe keine und bin aber bereit, da mit zu tun und diese Pläne zu entwickeln, wie auch immer wir das anstellen wollen. Wir müssen wieder mal, wie schon vorher auch, als Feministinnen unser eigenes Leben zum Experiment machen.
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Natürlich bringt für viele von uns das Alter auch Armut mit sich, oder die Gefahr der Armut dämmert herauf. Es ist natürlich wichtig, das zu sehn. Ich beobachte jetzt schon, und es tut mir leid, dass sich die Kreise der älteren Frauen danach zusammenfinden, welche finanziellen Mittel die Einzelnen haben. Das heißt die Wohlhabenden machen was zusammen, die, die so ein bisschen was haben ebenso, und die ganz Armen bleiben dann auch untereinander.
Als wäre es nicht so, dass wir auch Dinge zusammen haben könnten, bei denen Geld keine Rolle spielt, zum Beispiel beim Denken, Diskutieren, Fantasieren, etwas gestalten, ob künstlerisch oder anders oder beim Wandern. Für all dieses spielt Geld eigentlich keine Rolle. Und dennoch driften die Beziehungen der Frauen so auseinander, je nach ihrem finanziellen Vermögen.
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Mir ist Weisheit begegnet bei einem indischen Papayahändler, nicht aber bei meinem Yogalehrer. |
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Denn ganz wenig Geld zu haben und dazu noch alt zu sein, bedeutet schon eine große Menge Einschränkungen, auch irgendwohin zu gehen und irgendwo teilzuhaben. Wir haben das nicht gelöst, und wir sollten auch nicht so tun, denke ich, als wäre es einfach, das dadurch zu lösen, indem wir etwas miteinander teilen. Davor hat eine jede, glaube ich, viel zu viel Angst, es könnte nicht für sie und schon gar nicht für mehrere reichen.
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Es gibt Ideen und Theorien vom Schenken und Teilen, die finde ich sehr schön und sehr ehrenwert, ich fürchte aber, dass sie sich nicht in die Praxis umsetzen lassen. Wie auch ich mit der mir drohenden Armut selber umgehen werde, also wie ich darüber hinweggehe oder was ich mir dazu einfallen lasse, habe ich noch keine Ahnung. Im Moment dränge ich das auch in den Hintergrund. Ich hatte früher gehofft, wir würden, wenn wir mal alt sind, ein bedingungsloses Grundeinkommen haben. Da habe ich aber mit Rosinen gehandelt. Das ist nicht gekommen. Ich kann zwar weiterhin dafür eintreten und politisch dafür kämpfen, halte es aber im Moment für nicht durchsetzungsfähig.
Ja, also die Angst, die mit drohender Armut zusammen hängt, ist vielleicht das Schlimmste am Altern. Allein die Angst vor Einschränkungen körperlicher, geistiger und finanzieller Art ist schon eine große Bedrohung.
Was tun wir gegen Angst? Ich weiß es noch nicht. Wahrscheinlich atmen. |
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Jedenfalls denke ich, dass Weisheit ein Zustand ist, der sporadisch auftreten mag und dann wieder vergeht. |
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wild
Nun nehme ich mir mal den Stein mit wild. Was fällt mir ein zu wild? Freie Wildbahn, das Wildbret, das der Jäger jagt, wilde Tiere. Ich kenne wohl das Wort wilde Frauen, ich habe noch keine getroffen. Ich bin auch nicht wild. Gar nicht.
Ich forsche in mich hinein und entdecke nichts Wildes. Es ist auch schwer, zu fassen zu kriegen, was es denn sein soll. Ist es gleichbedeutend mit Leidenschaft? Sicherlich nicht, denn ich habe mich mit Leidenschaft in den Feminismus geworfen, und es kann sein, dass die Leidenschaft etwas geringer geworden ist, ich will sie auch wieder anfachen, das hat aber nichts mit wild zu tun. |
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Was ist das Gegenteil von wild? Nicht unbedingt zahm oder gezähmt, sondern auf Bahnen gehend, ich weiß es nicht, es fällt mir schwer. Ich habe die Idee, dass vielleicht für manche Frauen wild etwas mit Sexualität zu tun haben könnte, wilder Sex ist auch nicht meine Sache. Man muss das Leben ja betrachten, wie es ist, und Wildheit ist einfach keine Eigenschaft von mir. |
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„Die Weisheit des Alters ist eine Erfindung der Alten." (Helga Novak) |
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Radikal bin ich gewesen. Ich habe radikale Brüche in meinem Leben vollzogen, von der Verwaltungsrichterin zur Berufsfeministin, das ist der Beruf, den ich erfunden habe und mit dem ich mich bezeichne. Das ist radikal, aber nicht wild. |
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weise
Weise. Ich denke viel darüber nach, was Weisheit wohl sei, gerade in Bezug auf die ältere Generation, die wir jetzt zu Grabe tragen. Meine Mutter lebt noch, ich habe auch noch eine neunzigjährige Tante, mit der ich Kontakt habe. Sie sind zum Teil gütig, geduldig, humorvoll, aber weise kann ich sie eigentlich nicht nennen. |
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Ich habe oft sehr düstere Visionen über das Alter. |
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Jedenfalls ist damit ausgesagt, es ist ein Konzept, es muss nicht der Realität entsprechen, und ich glaube, es entspricht auch nicht der Realität. Wie soll man Weisheit definieren? Als Art gesteigerter Klugheit, gepaart mit Güte und Geduld, heitere Gelassenheit, so etwas in der Art. |
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Mir ist Weisheit begegnet bei einem indischen Papayahändler, nicht aber bei meinem Yogalehrer. Und wer will beurteilen, was Weisheit ist? Da vielleicht, wo es eine Möglichkeit der Einsicht eröffnet was jemand anders sagt, tut oder mir zeigt, das würde ich dann als Weisheit bezeichnen, für mich. |
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Es wäre natürlich schön, wenn wir das alles, was ich genannt habe - Güte, Großherzigkeit, Klugheit, Gelassenheit - im Alter vermehrt haben, empfinden und auch von uns geben können für andere. Es wird uns auf keinen Fall zufallen. Niemals kommt das von allein. Es ist vielleicht daran zu arbeiten. |
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Wir können uns ja nicht die kranke, leidende Alte als Vorbild nehmen. |
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Ich denke, dass die Methoden, die dafür empfohlen werden wie Meditation und Atmen und Yoga und Qi Gong sicherlich ihren Teil dazu beitragen können und werden. Sicherlich ist es auch von Vorteil, wenn man selber Kontakt hat zu allen Generationen und Lebenslagen der Menschheit, also sowohl zu Babys, Kindern, Jugendlichen, Alten, Uralten. |
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Ich selber habe so gut wie keinen Kontakt zu Kindern, und so fehlt mir, glaube ich, ein entscheidender Punkt, um zur Weisheit zu kommen. Aber vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten.
Jedenfalls denke ich, wenn wir es so sehen, dass Weisheit ein Zustand ist, der sporadisch auftreten mag und dann wieder vergeht, könnte uns das davor bewahren, es zu wollen oder es einer Person zuzuschreiben. |
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Wir müssen wiedermal unser eigenes Leben zum Experiment machen. |
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| Denn so, wie ich das jetzt benannt habe, ist nicht eine Person durch und durch weise, ausgenommen vielleicht Laotse als er ins Gebirge ging und dann ein Zöllner ihn dazu brachte, seine 81 Sprüche aufzuschreiben, das Daodejing. |
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Vielleicht war er aber auch nur an diesen Tagen weise und vorher und nachher nicht, was wissen wir denn, es ist etwa zweitausendfünfhundert Jahre her.
Also: Die Weisheit als Konzept, als Ziel und Eigenschaft im Alter, möchte ich hiermit dekonstruiert haben. |
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Was tun wir gegen Angst? Ich weiß es noch nicht. Wahrscheinlich atmen. |
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