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Das Gespräch nahmen wir am 19. Dezember 2008 in Erftstadt/Gymnich auf.
alt
Ich hab jetzt diesen Stein des Alters in der Hand. Ich fühl mich im Prinzip alt. Das hat angefangen als ich mit meiner Bandscheibe darniederlag und mich nicht bewegen konnte. Dieses Gefühl, nicht mehr das tun zu können, was man will und sich nicht bewegen zu können, hat mir Altwerden bewußt gemacht. Ich habe damals sehr viel darüber nachgedacht, was es de facto heißt, und es heißt: ich muß zurückschrauben und mein Leben verändern.
Dann habe ich darüber nachgedacht, wie ich das machen kann. Das Altwerden hat mir Angst gemacht. Es hat mich sehr betroffen gemacht. Ich hatte Existenzangst. Ich hatte Angst, wie ich überhaupt zurechtkommen sollte.
Wann war das?
Das war 2004. Dann habe ich beschlossen, dass ich mich um meinen Körper kümmern muss, der einfach nicht mehr mitmachte. Mein Körper verlangte Aufmerksamkeit. Und dann habe ich mich um mich gekümmert. Und es passierten wunderbare Dinge. So lernte ich zum Beispiel einen Mann kennen, der mir sehr guttat und guttut, und der mir half, meine Festigkeit wiederzufinden.
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wild
Ich fing wieder an, spontan Dinge zu machen, die man nicht tut, oder die man in meinem Alter nicht mehr tut, die man als Frau nicht tut oder die man als wissende oder erfahrene Frau nicht tut, alles das spielte keine Rolle. Ich habe das gemacht, was mir Spaß machte.
Was war das zum Beispiel?
Ich habe zum Beispiel eine Reise gebucht, die ich mir normalerweise finanziell gar nicht hätte erlauben können. Und der Zufall des Lebens... ich kriegte die Rückzahlung eines Darlehns, das ich mal gewährt hatte, womit ich gar nicht gerechnet hatte, sodass ich die Reise auch ohne Probleme bezahlen konnte.
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Ein Jahr später habe ich dann die Entscheidung getroffen, zu meinem jetzigen Lebensgefährten zu ziehen. Die große Angst, die ich vor dem Zusammenleben hatte, hat sich schnell als überflüssig erwiesen. Wir verstehen uns sehr gut. Und wir können uns über die Probleme, die wir haben, auseinandersetzen. Wir können streiten. Wir haben eine Basis von Toleranz und Respekt gefunden. So wie ich gelernt habe, mich ernst zu nehmen, werde ich auch von meinem Partner ernst genommen. Dieser Satz sagt sich so einfach, ist aber so schwer zu leben. Ich arbeite jeden Tag daran!
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Andere um Hilfe bitten, das habe ich gelernt. |
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Das Wildsein hat auch mit dem Malen zu tun. Ich wollte es immer machen, aber im Prinzip habe ich mich nicht getraut. Und wenn ich die Zeit hatte zu malen, dann habe ich irgendetwas anderes als wichtiger empfunden und habe das Malen hinten angestellt. Und nachdem ich in Rente gegangen bin, hatte ich endlich Zeit zu Malen. Wann bist du in Rente gegangen?
Das war im Dezember 2007. Ich hab das Malen eigentlich immer nebenbei gebraucht, um mich selbst zu finden. Wenn ich traurig oder verloren war, hat das Malen mir immer geholfen, wieder Vertrauen in mein Selbst und meine Zukunft zu finden. Malen war immer auch Therapie. Aber ich muss auch sagen, dass ich im Lauf der Jahre viel gelernt habe, was Maltechniken anbelangt.
Die visuellen Eindrücke, die ich sammle, die müssen irgendwann raus. Für mich gibt es Bilder, die mich solange verfolgen, bis ich sie gemalt habe. Und dieser Druck ist immer stärker geworden, sodass ich immer mehr gemalt habe. Ganz verschiedene Techniken.
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Ich habe auch Malkurse gegeben und Techniken vermitteln können. Ich habe die Freude der Kursteilnehmer erlebt, wenn sie malten. Und an deren Erfolgserlebnis teilzuhaben, ist sehr angenehm. Als ich dann endlich in Rente ging, konnte ich mich definitiv für das Malen entscheiden. Aber so einfach war es gar nicht, hatte ich doch als Kind nur gehört: anstatt zu malen solltest du lieber... irgendetwas anderes tun. Jedenfalls Malen wurde nicht als sinnvolle Tätigkeit angesehen, Malen war überflüssig, es wurde nicht akzeptiert und schon gar nicht positiv bewertet.
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Ich wollte immer malen, habe mich aber nicht getraut. |
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Seit ich so viel male habe ich festgestellt, dass ich nicht müde werde, wenn ich male. Ich habe auf einmal eine Kraft, die ich schien verloren zu haben. Als ich mit meiner Bandscheibe da lag, war ich hilflos und kraftlos, und als ich anfing zu malen, kam die Kraft wieder, ich hatte Ideen und Energie, und ich fand neue Techniken und neue Kombinationen.
Dieses positive Gefühl hat mir auch geholfen, mit der Situation klar zu kommen, nicht mehr als aktiver Mensch im Arbeitsbereich gefragt zu sein.
Ich habe eine andere Ebene gefunden, wo ich akzeptiert werde und von meinen Kursteilnehmern Lob bekomme und von meinem Lebensgefährten unterstützt werde.
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Übrigens das ganz Wilde, das körperlich Wilde, das hat sich sehr reduziert. Ich habe jetzt zwar das siebzehnte oder achtzehnte Sportabzeichen gemacht, ich hatte zehn Jahre, oder noch länger, ausgesetzt, aber die sportlichen Tätigkeiten haben sich verändert. Ich bin nicht mehr so wild. Ich mache das alles etwas gelassener. |
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Einmal die Woche Pilates, was meinem Körper hervorragend bekommt. Ich mache Nordic-Walking, egal ob die Leute über die Stöcke lachen oder nicht, es tut mir gut. Aber ich will auch wieder mit meinen Inlinern laufen, das ist etwas, was in diesem Frühjahr stattfinden wird. |
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Das Altwerden hat mir Angst gemacht. |
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weise
Ich fühle mich mittlerweile wohl in meinem Alter. Ich fühle mich auch schön in meinem Alter, und ich interessiere mich für viele Dinge, aber versuche konzentriert zu differenzieren zwischen dem, was ich machen will und dem, was ich machen kann und dem, was ich mache.
Es gibt Prioritäten. Bei mir zu bleiben ist in allen Aktivitäten, die ich mache, ganz wichtig für mich. Mich auseinanderzusetzen mit den alltäglichen Geschichten und mich nicht selbst zu verlieren. Ich bin ein sehr positiver Mensch, der in allen möglichen Situationen das Positive sieht. Ich frage nicht mehr: warum ich? warum passiert mir das? Ich frage nur: was muß ich aus der Situation lernen. Und in der Regel finde ich einen Hinweis auf die Lösung des Problems, und oft mit Hilfe anderer. |
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Andere um Hilfe bitten, das habe ich gelernt. Beim Altwerden braucht man bestimmte Hilfen, weil man eben nicht mehr so fit ist, weil man nicht mehr so schnell ist. Ich sage immer: mein letztes Drittel ganz bewußt leben, und ich mache das, was mir Freude macht, und das im Jetzt. |
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Ich muß zurückschrauben und mein Leben verändern. |
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Mir ist auch noch wichtig zu erwähnen, dass es in meinem ganzen Leben immer wichtig war, Gespräche zu führen mit meinen Schwestern, mit meinem Partner, soweit wie möglich und mit meinen Freunden. Das ist auch etwas, wo ich heute viel Wert drauf lege. Ein gutes Gespräch ist mir hundert mal lieber als eine Schickimicki-Einladung. |
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| Dann noch was zu den Naturerlebnissen, die ich auf den Reisen habe, die ich mit meinem Lebensgefährten zusammen mache. Zu sehen, wie die Natur zum Beispiel nach einem Vulkanausbruch zwischen den heißen Lavaströmen wieder das Grün durch schiebt, wie sie sich regeneriert, das hat mich so positiv beeinflußt, dass ich der Meinung bin, dass die Natur auch das Schlimme, was die Menschen ihr antun, überleben wird. Wahrscheinlich anders als wir uns das vorstellen. |
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| Aber ich glaube, dass wir Menschen, die in einem Alter sind, in dem wir die Schönheiten bewußt erleben, dass wir auch eine Verpflichtung haben, die Schönheit der Natur zu bewahren, dass wir dieses Gefühl, das die Natur für uns lebenswichtig ist, weitergeben, dass wir versuchen, die Werte, die verloren schienen, wieder zu korrigieren. |
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Ich frage nur: was muß ich aus der Situation lernen. |
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