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Das Porträt-Gespräch
nahmen wir an einem Nachmittag im Oktober 2006
in Las Casillas (Cabo de Gata) auf.
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zweites Porträt-Gespräch
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wild
Ich habe heute Morgen am Strand darüber nachgedacht,
was ist mir denn von diesen drei Dingen am nächsten:
alt wild und weise. Und da habe ich gemerkt, dass
im Moment wild für mich ganz nah ist. Und besonders
am Strand konnte ich das nachempfinden. Ich habe
auf den Steinen gesessen heute Morgen und habe in
die Wellen geguckt, die so herangebraust kamen,
sich zu einer Krone aufgeschwungen haben, übergeschwappt
sind und dann mit ihrem sprudelnden Temperament
auf mich zu kamen dann verliefen und schließlich
im Sand eine feine Linie hinterlassen haben, was
ich noch nie gesehen hatte. |
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Und
was hat das mit wild zu tun?
Wild ist dieses Überschäumende, was ich
in mir immer spüre. Jetzt in der besonderen
Situation mit diesem Mann, mit dieser Liebe, in
eine Bewegung reingehen, in etwas Wildes reingehen,
in etwas Unberechenbares
wie so ganz hohe
Wellen in einem Sturm, in einem Orkan, das mich
hochträgt, mich runterschmeißt, das mir
den Boden unter den Füßen wegzieht, und
mich dann aber doch mit kleiner werdenden Wellen
in diesem Sprudelnden wieder ans Land trägt,
wo ich Boden unter den Füßen habe.
Das paßt so.
In meinem Leben hat es immer wieder Dinge gegeben,
die mich gepackt haben. |
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Gehört das Motorrad-fahren-lernen
mit dazu?
Das gehört auch dazu. Das gehört
ganz extrem dazu.
In welcher Phase befindest du
dich denn gerade, was die Welle angeht?
Die Welle, die hochging und in mir
so ein Gefühl mitgerissen hat:
ich muß jetzt was ganz Neues
machen, ich muß irgendwas machen,
was mich aus dem rausreißt,
was mich im Moment einengt. Und das
war wie ein Blitz: Motorradfahren!
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| Eigentlich
kann ich mich mit meinem Alter nicht
identifizieren. |
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| Und da
bin ich dann auch voller Enthusiasmus drangegangen.
Ich habe mir stapelweise Bücher besorgt: Motorradfahren
für Frauen, Bücher über die verschiedenen
Motorräder, das alles hat sich bei mir zuhause
gestapelt, und ich habe sie auch gelesen, ein Buch
über eine Frau, die durch Amerika gefahren
ist. Ich habe zehn Fahrstunden und bin jetzt im
Moment in einer ruhigeren Phase. Ich brauche nämlich
dazu Konzentration, Ruhe und Gelassenheit. |
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Da
darf ich diesen Enthusiasmus, dieses
Wilde nicht mehr haben. Weil ich immer
wieder glesen habe, Motorrad fahren
bedeutet Konzentration, Gelassenheit
und trotzdem eine ungeheure Freiheit
sich fortzubewegen.
Und ich habe ja auch Angst vor diesem
kraftstrotzenden Ding. Und ich trau
mich auch noch nicht, mehr als achtzig
zu fahren.
Das ist diese Phase, wo die Wellen schon
gebrochen sind und ganz lange schäumend
irgendwo an Land laufen. |
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| Damals
habe ich mich ganz wild in Sport gestürzt. |
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Davor
habe ich mich ganz wild auf das Spanisch-Abenteuer
eingelassen. Und zwar auch wieder voller Enthusiasmus.
Ich habe zwei Anläufe genommen. Das erste Mal
hatte ich eine Lehrerin in der Volkshochschule,
die mir überhaupt nicht gefallen hat, das hat
mir die Freude genommen. Und dann habe ich später,
als ich mit sechzig in Rente ging, nochmal angefangen
und bin dann voll eingestiegen. Und ich habe nicht
nur Spanisch gelernt, sondern habe auch eine ganz
große Liebe zur spanischen Kultur entdeckt.
Das heißt, ich habe mich nicht nur mit der
Sprache beschäftigt sondern mit allem Drumherum,
was sich so in Spanien tut. Mit der Wirtschaft,
insbesondere mit der Kultur.
Ich hatte mal einen ganz tollen Satz gelesen, von
einer mexikanischen Jounalistin, die in einem Interview
einen Dichter zitierte, der gesagt hat: weil ich
arm bin brauche ich eine Beschäftigung, die
mir das Gefühl gibt, reich zu sein. Das hat
mich ungeheuer beeindruckt. Und das war auch für
mich dieses Spanisch lernen. |
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| Das
ist dann abgeflaut, als meine Eltern
so hinfällig wurden. Da hatte ich
nicht mehr die Ruhe. Und das hat mir
unglaublich gefehlt. Das ist ein Zeitraum
von jetzt fast zwei Jahren, wo das in
den Hintergrund getreten ist. Und ich
bedaure ungeheuer, dass mir so viel
vom Spanischen verloren gegangen ist.
Das möchte ich irgendwann auch
ganz intensiv wieder anfangen, wenn
dieses Lernen vom Motorrad fahren in
den Hintergrund getreten ist. |
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| Es
ist so schön im Jetzt zu leben. |
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Die Welle
davor, das war mit fünfzig nach der Trennung
von G. Wir hatten zehn Jahre zusammengelebt. Diese
Trennung war für mich deswegen so schwer, weil
ich so verletzt war.
Von einem Mann zu hören, wie schön es
ist, den Körper einer dreißig Jahre jüngeren
Frau zu spüren, das hat mich unglaublich verletzt.
Und ich habe mich damals überhaupt nicht alt
gefühlt. Ich finde, das muß man einer
Frau auch nicht sagen. Damals habe ich mich ganz
wild in Sport gestürzt. Ich bin in ein Fitness
Studio gegangen und habe Aerobic gemacht. Manchmal
sogar zwei Stunden hintereinander. Da ist mir der
Schweiß manchmal nur so aus den Haaren getrieft.
Da mußte ich auch irgendwas abreagieren und
etwas neues in mir finden. Irgendwas abschütteln
mit dieser ganzen Bewegung. Das habe ich sehr lange
gemacht. Hab damit lange Fahrten auf mich genommen,
um zu diesem preisgünstigen Studio zu kommen.
Das hat mir natürlich den Körper ungemein
schön gestählt. Und gestylt. Und ich konnte
auf einmal Ski fahren mit so viel mehr Kraft. |
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Würdest
du sagen, dass du heute noch davon profitierst?
Ja und zwar insofern als Sport und Bewegung
einfach für mich zum Leben dazu
gehört. Ich habe ungefähr
vor dreißig Jahren angefangen
zu laufen. Das habe ich zusammen mit
G. gemacht, als wir zusammen gelebt
haben.
Und ich habe auch mein Leben lang gern
Wanderungen gemacht, am liebsten im
Hochgebirge. |
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| Damals
habe ich mich ganz wild in Sport gestürzt. |
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Das kann man vergleichen mit dem Gefühl,
das ich heute am Wasser hatte. Irgendetwas, das
mich dahin zieht. Das waren die Wanderwege, die
sich die Berge hochziehen, die waren wie ein Magnet.
An manchen Tagen bin ich bis zu neun Stunden gewandert.
Ich habe das meistens alleine gemacht, weil ich
dem nachgehen mußte. Ich hab zwar Pausen
eingelegt, aber nicht so viele. Und ich hatte
auch keine Freunde, die sich so damit anfreunden
konnten, die sich mit dieser Begeisterung in die
Berge schmeißen konnten wie ich.
Darf ich nochmal zurückkommen auf das
Thema wild. Bei all dem, was du so machst scheint
es um ein inneres Empfinden zu gehen, was du mit
wild verknüpfst. Ist das so?
Ja und dieses innere Wilde, das treibt mich aber
auch. Ja mit einer wilden Kraft irgendwas zu machen.
Und das ist auch gleichzeitig die Begeisterung.
Ja.
Wenn ich dir so zuhöre, dann hat es für
mich auch immer so ein bißchen die Tendenz
zum Extremen.
Ja. Das ist auch so ein bißchen eine Grenze
ausloten. Und das hat mich auch manchmal schon
so an den Rand getrieben. Zum Beispiel solche
Wanderungen über neun Stunden, da bist du
ja am Ende irgendwie fertig und manchmal war ich
noch nicht wieder zuhause.
Das hat mich manchmal schon auch an die Grenzen
getrieben.
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Wenn
du einverstanden bist, dann lassen wir
jetzt das wild langsam ausklingen.
Vielleicht noch eins.
Dieses Wilde, was ich immer in mir fühle
und was mir auch garnicht das Gefühl
von alt vermittelt, oder mich gegen
alt schwimmen läßt, das trennt
mich natürlich auch von vielen
Menschen.
Da spür ich aber auch eine Kraft,
mich da durchzusetzen. Das habe ich
einmal, mit dem G. , da habe ich mir
ein bißchen von der Wildheit nehmen
lassen, und ich fühlte mich dann
nicht ich selbst. Und das muß
ich eben einfach aushalten, dass das
Wilde mich ein bißchen von Gemeinsamkeiten
mit anderen Menschen weghält. Das
brauch ich aber und das will ich auch
behalten. |
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Zitat: Weil
ich arm bin brauche ich eine Beschäftigung,
die mir das Gefühl gibt, reich
zu sein.
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weise
Der Stein des Weisen. Da komme ich nochmal wieder
auf das Wasser. Auf das Meer, das ist ganz wichtig,
dass ich nicht sage das Wasser sondern das Meer.
Doch auch das Wasser. Wasser trägt, je nach
dem wo es ist, sowas Ruhiges in sich. Das kann das
Meer aber auch.
Wenn ich vor dem Meer sitze und in die Ferne gucke,
dann hat es eben diese Ruhe. Und trotz allem Wilden,
was in mir immer wieder hoch kommt, habe ich auch
ganz ganz viel Ruhe in mir. Ich habe in vielen Dingen
eine Geduld und ich merke manchmal wie die Geduld
auch ein bißchen etwas Weises an sich hat.
Dinge zu nehmen, an mich rankommen zu lassen und
einfach so hinzunehmen ohne dass mir irgendwas angetan
wird oder weggenommen wird
also das ist ja
jetzt alles vielleicht zu hypothetisch
aber
das ist mir heute Morgen so ganz bewußt geworden,
um nochmal auf diese Wellen zu kommen, da kommt
diese Welle hoch, überschlägt sich, läuft
aus, sprudelt, bringt irgendetwas Wunderschönes
mit sich und verläuft dann im Sand und hinterläßt
diese feine Spur. Ganz viele feine Spuren.
Und dann habe ich gedacht: ja alles alles, was du
im Leben getan hast, hat irgendwo eine Spur hinterlassen.
Eine schöne Spur in dir. Es sind ja aber nicht
alles schöne Dinge, die man erlebt hat. Aber
wenn die Dinge, die schwer waren, wo man schwer
dran getragen hat, abgestanden sind, hinterlassen
sie doch eine schöne Spur. Etwas Verarbeitetes,
etwas, was sich dann irgendwo zum Guten wendet,
was einem eine neue Einsicht verschafft, hinterläßt
eine schöne Spur.
Und ich habe heute Morgen so gedacht, so möchte
ich mein Leben eigentlich auch mal zu Ende bringen.
Da war ganz viel Lebendigkeit. Das sprudelte irgendwo
bis zum Schluß und ganz am Ende versickert
das im Sand, ganz ruhig und gelassen. So wünsche
ich mir das. |
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Das ist überhaupt eine Philosophie von mir,
ganz ganz lange schon, die Freude in den kleinen
Dingen zu finden und keine großen Dinge
zu erwarten.
Und diese Lebensfreude kommt eben aus so kleinen
Dingen, aus irgendwelchen Blumen, die da wachsen,
aus einem Lufthauch, der an den Haaren spielt
oder Gräser, die sich im Wind wiegen, ein
Vogel, der singt, ein schönes Gespräch
mit Freunden, liebevolle Gedanken von anderen
Menschen, die übers Telefon kommen oder übers
Internet. Das auszukosten und das richtig wahrzunehmen,
dass es Menschen gibt, die einen mögen, sich
darauf zu besinnen, wie schön das ist, Freunde
zu haben, das empfinde ich als ein bißchen
Weisheit.
alt
Manchmal habe ich das Gefühl, dass man mich
nicht alt werden läßt.
Immer wenn ich neue Menschen kennen lerne oder
wenn ich in einer Gruppe bin und irgendwann das
Gespräch auf irgendeine Art und Weise aufs
Alter kommt
als Beispiel: ich sage, dass
ich eine Fahrkarte habe, mit der ich einen ganz
großen Radius um meine Stadt abfahren kann
und das ganze nur 25 Euro kostet, dann fragen
die Leute wieso gibt es bei euch solche Karten,
und dann sage ich ja, es gibt diese Karte mit
60, das ist wie ein Geschenk an die älteren
Leute von den Verkehrsbetrieben, diese Netzkarte
würde normalerweise an die drei oder vierhundert
Euro kosten, Ja wieso, heißt es dann, du
bist aber doch noch nicht 60. Dann sage ich doch,
ich bin 67.
Dann gibt es meistens irgendwie ein Schweigen
und die Leute fühlen sich ganz schlecht,
weil sie sich so verschätzt haben.
Es ist auf der einen Seite natürlich schön,
wenn man für jung gehalten wird. Auf der
anderen Seite aber habe ich das Gefühl, man
läßt mir mein Alter nicht.
Dann habe ich auch das Gefühl, ich darf ja
auch garnicht alt sein, oder alt werden. Weil
dieser Mann, der da in meinem Herzen wohnt ja
soviel jünger ist. Obwohl es für den
scheinbar überhaupt kein Problem ist. Der
sagt guck doch mal in den Spiegel und deine Energie
ist unglaublich.
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Diese
ganze Geschichte mit dem Alter, die
macht mich eben auch manchmal traurig,
weil ich mich eigentlich mit meinem
Alter nicht identifizieren kann, mit
den Jahren. Vielleicht ist das auch
eine alte Vorgabe von früher her,
ab 50 ist man eben alt.
Aber während ich das so sage, denke
ich, alt sein ist ja keine Frage des
Alters, der Jahre. Wenn man sich lebendig
fühlt und lebendig ist und alles
in einem noch in Bewegung ist, ist man
eigentlich nicht alt. Für die anderen
vielleicht, von den Jahren her, aber
das sollte keine Rolle spielen. |
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Dieses Wilde
in mir trennt mich auch von anderen
Menschen.
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Auf der anderen Seite wünschte ich mir,
dass dieser Mann 10 Jahre älter wäre.
Merkwürdigerweise habe ich auch ganz viele
Freundinnen, die so alt sind wie meine Tochter,
oder wenig älter. Ich weiß nicht woher
das kommt.
Dass ich jetzt mit euch zusammen bin, mit dir
und Conchi, das ist nochmal was ganz Tolles, mit
Gleichaltrigen oder fast Gleichaltrigen. Das schenkt
so viel Ruhe.
Mit den jungen Freundinnen habe ich nicht das
Gefühl, ich muß mich anstrengen, aber
mit dem jungen Mann ja, obwohl der mit 51 Jahren
nun auch nicht mehr so jung ist. Mit dem fühle
ich mich immer ein bißchen im Zugzwang,
attraktiv bleiben zu müssen und ganz viel
dafür zu tun. Also irgendwie bin ich noch
nicht dabei, in Ruhe alt zu werden.
Kannst du noch was zu deiner Mutter sagen?
Meine Mutter wird im nächsten Monat 89.
Ich habe meine Mutter immer als eine arme Frau
empfunden, weil sie ihre Wünsche nicht leben
konnte. Und obwohl sie eigentlich ihr Leben lang
unterdrückt wurde, war sie unglaublich lebendig,
hatte immer wieder ganz viele Freunde, und hat
auch ganz viele Dinge getan.
Sie ist jetzt dement und ganz krank. Hatte aber
bis vor zwei Monaten, bis sie durch eine Operation
praktisch nur noch schläft, immer wieder
ganz klare Momente und hat mir bis zum letzten
Tag, an dem ich sie wach erlebt habe, immer wieder
gesagt; ich finde es so schön, was du tust.
Und du tust all die Dinge, die ich so gern getan
hätte.
Und dieses Nicht-mehr-tun-können, das war
für sie ganz schrecklich. Dass sie an den
Rollstuhl gefesselt war, nichts mehr machen konnte,
garnichts mehr, sich nicht mehr selber waschen
konnte, nicht mehr lesen konnte, sich auch nicht
mehr richtig unterhalten konnte, weil die anderen
Leute in diesem Altersstift irgendwie auch verlernen
kommunikativ zu sein.
Das ist für mich eine Form von Altwerden,
die in mir ein bißchen Angst hochkommen
läßt. Die Lebendigkeit zu verlieren.
Nicht mehr lebendig zu sein heißt ja irgendwo
auch, nicht mehr zu leben. So dahinvegetieren.
Das macht mich ganz traurig. Das ist ja etwas,
was ich sonst noch nie so intensiv mit mir in
Verbindung gebracht habe, eventuell so ein Dahinvegetieren.
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Das
ist eigentlich auch ein Gedanke, den
ich schnell wieder zur Seite schieben
möchte. Der jetzt einfach nicht
ansteht. Und ich denke, damit muß
man sich auch nicht befassen. Es gibt
Leute, die sich so sehr in solche Gedanken
hineinstürzen, die dann alles überlagern,
und das will ich einfach nicht. Ich
will jetzt leben. Und will mir nicht
vorstellen wollen, wie irgendwas ist
wenn es mir nicht mehr gut geht.
Das kommt wenn es kommen muß,
wenn es kommen will, dann kommt es und
dann ist immer noch Zeit, sich damit
auseinanderzusetzen. Aber jetzt will
ich es nicht. |
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| Die
Freude in den kleinen Dingen zu finden
und keine großen Dinge zu erwarten. |
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Und auf deine Mutter bezogen
diese
alte Frau, die da
Diese alte Frau, die da jetzt im Bett liegt und
schläft und nun garnichts mehr mitkriegt,
hat für mich auch was Beruhigendes, weil
sie nicht mehr merkt, dass sie Dinge nicht tun
kann, dass sie nirgends teilhaben kann.
Bist du sicher, dass sie nichts
mehr merkt?
Oder welche Vorstellung hast du davon, was
sie merkt und was nicht?
Also ich denke, dass sie merkt wenn ich komme.
Ich gehe jeden Tag hin. Sie macht die Augen nicht
auf. Ich streichel sie, dann erzähl ich ihr,
dass ich da bin, ich erzähl ihr, was ich
mache, was ich getan habe, wo ich gewesen bin,
mit wem, ich richte ihr Grüße aus.
Ich hab ihr insbesondere von diesem schönen
Bild erzählt, das ich im Seminar bei Anna
hatte, dass sie mit anderen lieben Menschen in
einem Lichtraum war, dass sie dort mittendrin
mit ihrem Bett stand, mit goldenem Licht überzogen,
dass sie so ungeheuer friedlich da in dieser warmen
Umgebung mit anderen Menschen geschlafen hat.
Dieses Bild habe ich in mir.
Hatte sie eine Reaktion
als du ihr das erzählt hast?
Sie hat ein bißchen vor sich hin gebrummt
als ich ihr das erzählt habe, und dann hat
dieses Brummen nach einer Weile aufgehört.
Sie hat die Augen nicht aufgemacht. Sie ist dann
auch irgendwann ganz fest eingeschlafen und hat
mir das Gefühl gegeben, dass sie jetzt so
schläft wie in diesem Bild. So ganz ruhig
und friedlich und glücklich. Ich habe das
Gefühl gehabt, dass ein bißchen von
dem, was ich ihr erzählt habe, auf sie übergegangen
ist. Das wäre schön, wenn es wirklich
so wäre.
(Heides Mutter ist im November
2006 gestorben.)
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