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Heide Wroblewski
(geboren 1939 in Stettin )

Als Rentnerin arbeitet sie ein-bis zweimal wöchentlich in Karlsruhe im Museum „Zentrum für Kunst und Medientechnologie“ (ZKM) an der Infotheke. Heide hat eine Tochter.

Das Porträt-Gespräch nahmen wir an einem Nachmittag im Oktober 2006 in Las Casillas (Cabo de Gata) auf.

> zweites Porträt-Gespräch

wild
Ich habe heute Morgen am Strand darüber nachgedacht, was ist mir denn von diesen drei Dingen am nächsten: alt wild und weise. Und da habe ich gemerkt, dass im Moment wild für mich ganz nah ist. Und besonders am Strand konnte ich das nachempfinden. Ich habe auf den Steinen gesessen heute Morgen und habe in die Wellen geguckt, die so herangebraust kamen, sich zu einer Krone aufgeschwungen haben, übergeschwappt sind und dann mit ihrem sprudelnden Temperament auf mich zu kamen dann verliefen und schließlich im Sand eine feine Linie hinterlassen haben, was ich noch nie gesehen hatte.

Und da habe ich an das gedacht, was ich neulich mit Anna ausgearbeitet habe.
Ich bin am Meer. Ich gehe am Meer. Ich stehe am Meer. Ganz fest. Und sehe zu, wie das Wasser arbeitet.
Warum habe ich auf einmal diese Affinität zum Meer, habe ich mich gefragt.
Und da ist mir eingefallen, dass ich als kleines Kind praktisch am Meer, an der Ostsee, gelebt habe. Und das bricht scheinbar jetzt wieder auf.

Trotz allem Wilden habe ich auch ganz viel Ruhe in mir.
Und was hat das mit wild zu tun?
Wild ist dieses Überschäumende, was ich in mir immer spüre. Jetzt in der besonderen Situation mit diesem Mann, mit dieser Liebe, in eine Bewegung reingehen, in etwas Wildes reingehen, in etwas Unberechenbares… wie so ganz hohe Wellen in einem Sturm, in einem Orkan, das mich hochträgt, mich runterschmeißt, das mir den Boden unter den Füßen wegzieht, und mich dann aber doch mit kleiner werdenden Wellen in diesem Sprudelnden wieder ans Land trägt, wo ich Boden unter den Füßen habe.
Das paßt so.
In meinem Leben hat es immer wieder Dinge gegeben, die mich gepackt haben.

Gehört das Motorrad-fahren-lernen mit dazu?
Das gehört auch dazu. Das gehört ganz extrem dazu.

In welcher Phase befindest du dich denn gerade, was die Welle angeht?
Die Welle, die hochging und in mir so ein Gefühl mitgerissen hat: ich muß jetzt was ganz Neues machen, ich muß irgendwas machen, was mich aus dem rausreißt, was mich im Moment einengt. Und das war wie ein Blitz: Motorradfahren!

Eigentlich kann ich mich mit meinem Alter nicht identifizieren.
Und da bin ich dann auch voller Enthusiasmus drangegangen. Ich habe mir stapelweise Bücher besorgt: Motorradfahren für Frauen, Bücher über die verschiedenen Motorräder, das alles hat sich bei mir zuhause gestapelt, und ich habe sie auch gelesen, ein Buch über eine Frau, die durch Amerika gefahren ist. Ich habe zehn Fahrstunden und bin jetzt im Moment in einer ruhigeren Phase. Ich brauche nämlich dazu Konzentration, Ruhe und Gelassenheit.
Da darf ich diesen Enthusiasmus, dieses Wilde nicht mehr haben. Weil ich immer wieder glesen habe, Motorrad fahren bedeutet Konzentration, Gelassenheit und trotzdem eine ungeheure Freiheit sich fortzubewegen.
Und ich habe ja auch Angst vor diesem kraftstrotzenden Ding. Und ich trau mich auch noch nicht, mehr als achtzig zu fahren.
Das ist diese Phase, wo die Wellen schon gebrochen sind und ganz lange schäumend irgendwo an Land laufen.
Damals habe ich mich ganz wild in Sport gestürzt.
Davor habe ich mich ganz wild auf das Spanisch-Abenteuer eingelassen. Und zwar auch wieder voller Enthusiasmus. Ich habe zwei Anläufe genommen. Das erste Mal hatte ich eine Lehrerin in der Volkshochschule, die mir überhaupt nicht gefallen hat, das hat mir die Freude genommen. Und dann habe ich später, als ich mit sechzig in Rente ging, nochmal angefangen und bin dann voll eingestiegen. Und ich habe nicht nur Spanisch gelernt, sondern habe auch eine ganz große Liebe zur spanischen Kultur entdeckt. Das heißt, ich habe mich nicht nur mit der Sprache beschäftigt sondern mit allem Drumherum, was sich so in Spanien tut. Mit der Wirtschaft, insbesondere mit der Kultur.
Ich hatte mal einen ganz tollen Satz gelesen, von einer mexikanischen Jounalistin, die in einem Interview einen Dichter zitierte, der gesagt hat: weil ich arm bin brauche ich eine Beschäftigung, die mir das Gefühl gibt, reich zu sein. Das hat mich ungeheuer beeindruckt. Und das war auch für mich dieses Spanisch lernen.
Das ist dann abgeflaut, als meine Eltern so hinfällig wurden. Da hatte ich nicht mehr die Ruhe. Und das hat mir unglaublich gefehlt. Das ist ein Zeitraum von jetzt fast zwei Jahren, wo das in den Hintergrund getreten ist. Und ich bedaure ungeheuer, dass mir so viel vom Spanischen verloren gegangen ist. Das möchte ich irgendwann auch ganz intensiv wieder anfangen, wenn dieses Lernen vom Motorrad fahren in den Hintergrund getreten ist.
Es ist so schön im Jetzt zu leben.
Die Welle davor, das war mit fünfzig nach der Trennung von G. Wir hatten zehn Jahre zusammengelebt. Diese Trennung war für mich deswegen so schwer, weil ich so verletzt war.
Von einem Mann zu hören, wie schön es ist, den Körper einer dreißig Jahre jüngeren Frau zu spüren, das hat mich unglaublich verletzt. Und ich habe mich damals überhaupt nicht alt gefühlt. Ich finde, das muß man einer Frau auch nicht sagen. Damals habe ich mich ganz wild in Sport gestürzt. Ich bin in ein Fitness Studio gegangen und habe Aerobic gemacht. Manchmal sogar zwei Stunden hintereinander. Da ist mir der Schweiß manchmal nur so aus den Haaren getrieft. Da mußte ich auch irgendwas abreagieren und etwas neues in mir finden. Irgendwas abschütteln mit dieser ganzen Bewegung. Das habe ich sehr lange gemacht. Hab damit lange Fahrten auf mich genommen, um zu diesem preisgünstigen Studio zu kommen. Das hat mir natürlich den Körper ungemein schön gestählt. Und gestylt. Und ich konnte auf einmal Ski fahren mit so viel mehr Kraft.
Würdest du sagen, dass du heute noch davon profitierst?
Ja und zwar insofern als Sport und Bewegung einfach für mich zum Leben dazu gehört. Ich habe ungefähr vor dreißig Jahren angefangen zu laufen. Das habe ich zusammen mit G. gemacht, als wir zusammen gelebt haben.
Und ich habe auch mein Leben lang gern Wanderungen gemacht, am liebsten im Hochgebirge.
Damals habe ich mich ganz wild in Sport gestürzt.

Das kann man vergleichen mit dem Gefühl, das ich heute am Wasser hatte. Irgendetwas, das mich dahin zieht. Das waren die Wanderwege, die sich die Berge hochziehen, die waren wie ein Magnet. An manchen Tagen bin ich bis zu neun Stunden gewandert. Ich habe das meistens alleine gemacht, weil ich dem nachgehen mußte. Ich hab zwar Pausen eingelegt, aber nicht so viele. Und ich hatte auch keine Freunde, die sich so damit anfreunden konnten, die sich mit dieser Begeisterung in die Berge schmeißen konnten wie ich.

Darf ich nochmal zurückkommen auf das Thema wild. Bei all dem, was du so machst scheint es um ein inneres Empfinden zu gehen, was du mit wild verknüpfst. Ist das so?
Ja und dieses innere Wilde, das treibt mich aber auch. Ja mit einer wilden Kraft irgendwas zu machen.

Und das ist auch gleichzeitig die Begeisterung.
Ja.

Wenn ich dir so zuhöre, dann hat es für mich auch immer so ein bißchen die Tendenz zum Extremen.
Ja. Das ist auch so ein bißchen eine Grenze ausloten. Und das hat mich auch manchmal schon so an den Rand getrieben. Zum Beispiel solche Wanderungen über neun Stunden, da bist du ja am Ende irgendwie fertig und manchmal war ich noch nicht wieder zuhause.
Das hat mich manchmal schon auch an die Grenzen getrieben.

Wenn du einverstanden bist, dann lassen wir jetzt das wild langsam ausklingen.
Vielleicht noch eins.
Dieses Wilde, was ich immer in mir fühle und was mir auch garnicht das Gefühl von alt vermittelt, oder mich gegen alt schwimmen läßt, das trennt mich natürlich auch von vielen Menschen.
Da spür ich aber auch eine Kraft, mich da durchzusetzen. Das habe ich einmal, mit dem G. , da habe ich mir ein bißchen von der Wildheit nehmen lassen, und ich fühlte mich dann nicht ich selbst. Und das muß ich eben einfach aushalten, dass das Wilde mich ein bißchen von Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen weghält. Das brauch ich aber und das will ich auch behalten.

Zitat: Weil ich arm bin brauche ich eine Beschäftigung, die mir das Gefühl gibt, reich zu sein.

weise
Der Stein des Weisen. Da komme ich nochmal wieder auf das Wasser. Auf das Meer, das ist ganz wichtig, dass ich nicht sage das Wasser sondern das Meer.
Doch auch das Wasser. Wasser trägt, je nach dem wo es ist, sowas Ruhiges in sich. Das kann das Meer aber auch.
Wenn ich vor dem Meer sitze und in die Ferne gucke, dann hat es eben diese Ruhe. Und trotz allem Wilden, was in mir immer wieder hoch kommt, habe ich auch ganz ganz viel Ruhe in mir. Ich habe in vielen Dingen eine Geduld und ich merke manchmal wie die Geduld auch ein bißchen etwas Weises an sich hat.
Dinge zu nehmen, an mich rankommen zu lassen und einfach so hinzunehmen ohne dass mir irgendwas angetan wird oder weggenommen wird…also das ist ja jetzt alles vielleicht zu hypothetisch…aber das ist mir heute Morgen so ganz bewußt geworden, um nochmal auf diese Wellen zu kommen, da kommt diese Welle hoch, überschlägt sich, läuft aus, sprudelt, bringt irgendetwas Wunderschönes mit sich und verläuft dann im Sand und hinterläßt diese feine Spur. Ganz viele feine Spuren.
Und dann habe ich gedacht: ja alles alles, was du im Leben getan hast, hat irgendwo eine Spur hinterlassen. Eine schöne Spur in dir. Es sind ja aber nicht alles schöne Dinge, die man erlebt hat. Aber wenn die Dinge, die schwer waren, wo man schwer dran getragen hat, abgestanden sind, hinterlassen sie doch eine schöne Spur. Etwas Verarbeitetes, etwas, was sich dann irgendwo zum Guten wendet, was einem eine neue Einsicht verschafft, hinterläßt eine schöne Spur.
Und ich habe heute Morgen so gedacht, so möchte ich mein Leben eigentlich auch mal zu Ende bringen. Da war ganz viel Lebendigkeit. Das sprudelte irgendwo bis zum Schluß und ganz am Ende versickert das im Sand, ganz ruhig und gelassen. So wünsche ich mir das.
Das empfinde ich bei mir als eine gewisse Weisheit, mit solchen Gedanken in die Zukunft zu gehen. Wobei ich eigentlich garnicht furchtbar viele Gedanken an die Zukunft verwende und verschwende. Es ist so schön im Jetzt zu leben und das einfach so zu nehmen. Die Geschenke, die einem täglich widerfahren in so ganz kleinen Dingen.

Ich muß jetzt Motorrad fahren lernen.

Das ist überhaupt eine Philosophie von mir, ganz ganz lange schon, die Freude in den kleinen Dingen zu finden und keine großen Dinge zu erwarten.
Und diese Lebensfreude kommt eben aus so kleinen Dingen, aus irgendwelchen Blumen, die da wachsen, aus einem Lufthauch, der an den Haaren spielt oder Gräser, die sich im Wind wiegen, ein Vogel, der singt, ein schönes Gespräch mit Freunden, liebevolle Gedanken von anderen Menschen, die übers Telefon kommen oder übers Internet. Das auszukosten und das richtig wahrzunehmen, dass es Menschen gibt, die einen mögen, sich darauf zu besinnen, wie schön das ist, Freunde zu haben, das empfinde ich als ein bißchen Weisheit.

 

alt

Manchmal habe ich das Gefühl, dass man mich nicht alt werden läßt.
Immer wenn ich neue Menschen kennen lerne oder wenn ich in einer Gruppe bin und irgendwann das Gespräch auf irgendeine Art und Weise aufs Alter kommt…als Beispiel: ich sage, dass ich eine Fahrkarte habe, mit der ich einen ganz großen Radius um meine Stadt abfahren kann und das ganze nur 25 Euro kostet, dann fragen die Leute wieso gibt es bei euch solche Karten, und dann sage ich ja, es gibt diese Karte mit 60, das ist wie ein Geschenk an die älteren Leute von den Verkehrsbetrieben, diese Netzkarte würde normalerweise an die drei oder vierhundert Euro kosten, Ja wieso, heißt es dann, du bist aber doch noch nicht 60. Dann sage ich doch, ich bin 67.
Dann gibt es meistens irgendwie ein Schweigen und die Leute fühlen sich ganz schlecht, weil sie sich so verschätzt haben.
Es ist auf der einen Seite natürlich schön, wenn man für jung gehalten wird. Auf der anderen Seite aber habe ich das Gefühl, man läßt mir mein Alter nicht.
Dann habe ich auch das Gefühl, ich darf ja auch garnicht alt sein, oder alt werden. Weil dieser Mann, der da in meinem Herzen wohnt ja soviel jünger ist. Obwohl es für den scheinbar überhaupt kein Problem ist. Der sagt guck doch mal in den Spiegel und deine Energie ist unglaublich.

Diese ganze Geschichte mit dem Alter, die macht mich eben auch manchmal traurig, weil ich mich eigentlich mit meinem Alter nicht identifizieren kann, mit den Jahren. Vielleicht ist das auch eine alte Vorgabe von früher her, ab 50 ist man eben alt.
Aber während ich das so sage, denke ich, alt sein ist ja keine Frage des Alters, der Jahre. Wenn man sich lebendig fühlt und lebendig ist und alles in einem noch in Bewegung ist, ist man eigentlich nicht alt. Für die anderen vielleicht, von den Jahren her, aber das sollte keine Rolle spielen.

Dieses Wilde in mir trennt mich auch von anderen Menschen.

Auf der anderen Seite wünschte ich mir, dass dieser Mann 10 Jahre älter wäre.
Merkwürdigerweise habe ich auch ganz viele Freundinnen, die so alt sind wie meine Tochter, oder wenig älter. Ich weiß nicht woher das kommt.
Dass ich jetzt mit euch zusammen bin, mit dir und Conchi, das ist nochmal was ganz Tolles, mit Gleichaltrigen oder fast Gleichaltrigen. Das schenkt so viel Ruhe.
Mit den jungen Freundinnen habe ich nicht das Gefühl, ich muß mich anstrengen, aber mit dem jungen Mann ja, obwohl der mit 51 Jahren nun auch nicht mehr so jung ist. Mit dem fühle ich mich immer ein bißchen im Zugzwang, attraktiv bleiben zu müssen und ganz viel dafür zu tun. Also irgendwie bin ich noch nicht dabei, in Ruhe alt zu werden.

Kannst du noch was zu deiner Mutter sagen?
Meine Mutter wird im nächsten Monat 89.
Ich habe meine Mutter immer als eine arme Frau empfunden, weil sie ihre Wünsche nicht leben konnte. Und obwohl sie eigentlich ihr Leben lang unterdrückt wurde, war sie unglaublich lebendig, hatte immer wieder ganz viele Freunde, und hat auch ganz viele Dinge getan.
Sie ist jetzt dement und ganz krank. Hatte aber bis vor zwei Monaten, bis sie durch eine Operation praktisch nur noch schläft, immer wieder ganz klare Momente und hat mir bis zum letzten Tag, an dem ich sie wach erlebt habe, immer wieder gesagt; ich finde es so schön, was du tust. Und du tust all die Dinge, die ich so gern getan hätte.
Und dieses Nicht-mehr-tun-können, das war für sie ganz schrecklich. Dass sie an den Rollstuhl gefesselt war, nichts mehr machen konnte, garnichts mehr, sich nicht mehr selber waschen konnte, nicht mehr lesen konnte, sich auch nicht mehr richtig unterhalten konnte, weil die anderen Leute in diesem Altersstift irgendwie auch verlernen kommunikativ zu sein.
Das ist für mich eine Form von Altwerden, die in mir ein bißchen Angst hochkommen läßt. Die Lebendigkeit zu verlieren. Nicht mehr lebendig zu sein heißt ja irgendwo auch, nicht mehr zu leben. So dahinvegetieren. Das macht mich ganz traurig. Das ist ja etwas, was ich sonst noch nie so intensiv mit mir in Verbindung gebracht habe, eventuell so ein Dahinvegetieren.

Das ist eigentlich auch ein Gedanke, den ich schnell wieder zur Seite schieben möchte. Der jetzt einfach nicht ansteht. Und ich denke, damit muß man sich auch nicht befassen. Es gibt Leute, die sich so sehr in solche Gedanken hineinstürzen, die dann alles überlagern, und das will ich einfach nicht. Ich will jetzt leben. Und will mir nicht vorstellen wollen, wie irgendwas ist wenn es mir nicht mehr gut geht.
Das kommt wenn es kommen muß, wenn es kommen will, dann kommt es und dann ist immer noch Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Aber jetzt will ich es nicht.
Die Freude in den kleinen Dingen zu finden und keine großen Dinge zu erwarten.

Und auf deine Mutter bezogen…diese alte Frau, die da…
Diese alte Frau, die da jetzt im Bett liegt und schläft und nun garnichts mehr mitkriegt, hat für mich auch was Beruhigendes, weil sie nicht mehr merkt, dass sie Dinge nicht tun kann, dass sie nirgends teilhaben kann.

Bist du sicher, dass sie nichts mehr merkt?
Oder welche Vorstellung hast du davon, was sie merkt und was nicht?
Also ich denke, dass sie merkt wenn ich komme. Ich gehe jeden Tag hin. Sie macht die Augen nicht auf. Ich streichel sie, dann erzähl ich ihr, dass ich da bin, ich erzähl ihr, was ich mache, was ich getan habe, wo ich gewesen bin, mit wem, ich richte ihr Grüße aus.
Ich hab ihr insbesondere von diesem schönen Bild erzählt, das ich im Seminar bei Anna hatte, dass sie mit anderen lieben Menschen in einem Lichtraum war, dass sie dort mittendrin mit ihrem Bett stand, mit goldenem Licht überzogen, dass sie so ungeheuer friedlich da in dieser warmen Umgebung mit anderen Menschen geschlafen hat. Dieses Bild habe ich in mir.

Hatte sie eine Reaktion als du ihr das erzählt hast?
Sie hat ein bißchen vor sich hin gebrummt als ich ihr das erzählt habe, und dann hat dieses Brummen nach einer Weile aufgehört. Sie hat die Augen nicht aufgemacht. Sie ist dann auch irgendwann ganz fest eingeschlafen und hat mir das Gefühl gegeben, dass sie jetzt so schläft wie in diesem Bild. So ganz ruhig und friedlich und glücklich. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ein bißchen von dem, was ich ihr erzählt habe, auf sie übergegangen ist. Das wäre schön, wenn es wirklich so wäre.

(Heides Mutter ist im November 2006 gestorben.)