Home Blog Altundschön Links
Thema Porträts Über uns Kontakt

Vorwort

Conchita
Heide
Brigitte
Brigitte
 
Renate
Renate
 
 
Anna
Anna
Eva
Eva
Lisa
Nikki
Nikki Nickol
(geb. 1948 im Harz)
Nikki Nickol ist Lehrerin/Circuslehrerin und lebt seit zehn Jahren in "Burg Löwenzahn“, ihrem Haus auf Rädern.
Nicki hat zwei Kinder.
An einem regnerischen Tag im März 2006 nahmen wir dieses Gespräch in Las Casillas, Cabo de Gata, auf.

wild
Steine für wild, alt oder weise...
Da es mein Ziel ist, weise zu werden, nehme ich den Stein für weise als letzten.
Ich nehme mal den wilden Stein als ersten. Der gefällt mir, mit der roten Farbe.
Also, ich werde jetzt achtundfünfzig, und als ich fünfzig Jahre alt wurde habe ich mir überlegt, wenn ich jetzt noch die nächsten fünfzehn oder siebzehn Jahre weiter mache als Lehrerin... das ist nicht mein Leben.
Und dann habe ich angefangen, mein Leben zu verändern.
Ich habe mich beurlauben lassen vom Berliner Schuldienst, und da mein Freund Stevie schon ein bißchen Circuserfahrung hat, und ich immer schon ein faible für Circus hatte, habe ich dann einfach einen Circus gefunden und habe dort die Tochter unterrichtet, war außerdem Pressesprecherin und hab ein völlig anderes Leben geführt.
Das waren die spannendsten Jahre meines Lebens.
Ich verbinde mit wild, mal was anderes zu machen, als das Herkömmliche, was Neues auszuprobieren und zu sehen, ob es einem passt oder nicht.
Vielleicht ist das Thema Circus nun vorbei, ich weiß es noch nicht. Auf jeden Fall hat es jetzt ne kleine Pause.

Und noch zum Thema wild fällt mir ein…das war 1992, als mein Vater starb, und ich 1993 an einem Punkt war, wo ich nicht wußte, wie geht mein Leben weiter, spring ich von der Brücke oder werde ich jetzt depressiv oder was auch immer, und dachte, ich müßte irgendeinen Teil in meinem Leben verändern.
Je älter ich werde, umso mehr brauche ich meinen Freiraum.
Freund hatte ich keinen, meine Kinder sind beim Vater aufgewachsen, in der Schule hat es mir nicht mehr so sehr viel Spaß gemacht, und dann kamen Schlafstörungen dazu. Und dann habe ich einfach meine Wohnung mit einem Bauwagen getauscht und bin 1994 in einen Bauwagen gezogen.
Das war ein sehr spannendes Leben, im Bauwagen zu leben mitten in Berlin am Kleistpark.
Als ich dort ein viertel Jahr lebte, zog meine Tochter zu mir, weil sie das spannend fand. Sie bekam ihren eigenen Bauwagen. Leider wurde uns ein dreiviertel Jahr später der Platz gekündigt.
Ich konnte ja nicht in meine Wohnung zurück, weil sie vermietet war, und dann haben meine Tochter und ich uns eine Wohnung in Zehlendorf ausgesucht, sehr teuer, sehr häßlich, alles rechteckig und Beton um mich herum... also ich habe eine Krise in der Wohnung gekriegt.
Die Nele zog dann wieder zum Vater zurück, und da ich wieder Unterhalt zahlen mußte, und da ich die Wohnung häßlich fand, fiel mir ein: Mensch, ich zieh wieder in einen Wagen, aber nicht in einen Bauwagen, weil beim Bauwagen brauche ich immer jemanden, der mich dorthin fährt, wo ich gerne hin möchte. Das heißt, ich bin abhängig. Diesmal will ich einen Wagen haben, den ich selber fahren kann.
Ich hab dann einen Wagen mit Motor gekauft, meine Burg Löwenzahn, und die habe ich jetzt zehn Jahre.
Und danach bin ich zum Zirkus gekommen.
... ich finde, das hört sich wirklich ziemlich wild an...
Mal gucken wie es noch weitergeht. Ich meine auch, dass noch ein paar Sachen auf mich zukommen, die ich jetzt noch nicht abschätzen kann.
Ich möchte weiter mit Menschen arbeiten, aber ich habe eine Bedingung: ich möchte nicht mehr mit Menschen arbeiten, die ich motivieren muß, wie in der Schule. Ich möchte mit Menschen arbeiten, die ich allein durch das, was ich tue, motivieren kann. Die schon eine Motivation haben, und denen ich was beibringen kann. Das, was ich im Leben gelernt habe. Das können ältere Menschen sein, ich weiß es noch nicht, vielleicht sind es auch weiterhin Kinder.
Ich such mir natürlich Vorbilder aus, denn wenn, dann will ich natürlich positiv alt werden.

Das wird das Leben zeigen. Und ich freu mich auf Sachen, die in mein Leben treten und hoffentlich wild bleiben, außerhalb der Konvention.
So, das war der wilde Stein.

alt
Jetzt zu dem alten Stein.
Ja, da fällt mir ein, so ganz mutig gehe ich doch nicht ins Alter hinein. Weil ich ja die Veränderungen sehe: wie mein Gesicht sich verändert, dass es Falten kriegt, ich sehe die Altersflecken, ich merke leichte Beeinträchtigungen körperlicherseits. Und manchmal denke ich: guck ich jetzt in den Spiegel oder guck ich lieber nicht in den Spiegel, weil in mir drin fühle ich mich eigentlich wie immer, nur das Äußere wird irgendwie alt.

Man weiß es von allen möglichen Leuten, aber wenn es einen selber trifft, ist es ein komisches Gefühl.
Ich such mir natürlich Vorbilder aus, denn wenn, dann will ich natürlich positiv alt werden. Und da fällt mir ein Artist ein, ich glaub der heißt Dieter Thurau, oder so ähnlich. Vor zwei Jahren habe ich einen Film von ihm und über ihn gesehen, da war er vierundneunzig Jahre alt. Er hat damals noch mit seinem Sohn zusammen gearbeitet.
Und dann habe ich angefangen, mein Leben zu verändern.
Und die faszinierende Übung, die er gemacht hat war folgende: er hat sich mit den Zeigefingern an ein Stahlseil gehängt und einen Klimmzug gemacht. Nicht mit gestreckten Beinen, sondern mit angewinkelten Beinen. Gut, das ist ein kleiner zarter Mann und hat nicht viel Gewicht, aber es hat mich fasziniert. Und man sah natürlich die Schlabberarme und die alte faltige Haut und darunter war er muskulös... und da dachte ich: ja, warum eigentlich nicht. Von außen kann man ja schon faltig werden und altern, aber vielleicht ist das Innere ja das, was zählt.
Daß man innendrin trotzdem noch einen Muskel hat, trotzdem noch Ideen hat, trotzdem noch was kann.
Aber ich merke, daß ich ziemlich vergeßlich geworden bin.
Deshalb versuche ich, Lieder und Gedichte auswendig zu lernen, in Deutsch und in Englisch, und Spanisch zu lernen. Das macht mir Spaß. Zu merken, nach einer Woche weiß ich das Gedicht immer noch, und nach einem Monat und einem viertel Jahr und einem Jahr weiß ich es immer noch, also arbeiten doch die kleinen grauen Zellen immer noch.
Ja, ich möchte schon noch einige Sachen machen, eher handwerklich. Ich möchte mit den Händen kreativ sein. Ich möchte mit Lehm arbeiten, ich möchte gerne schweißen lernen, ich hab irgendwann mal gelernt, mit der Stichsäge umzugehen, mir meine Möbel selbst zu bauen, nach meinen Vorstellungen.
Gut, jeder Tischler schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, aber das ist mir egal.
Das verstehe ich unter weise. Mich einfach so zu akzeptieren wie ich bin.

Im Alter möchte ich immer mehr die Sachen machen, die mich interessieren, für die ich eine Liebe entwickle. Ich möchte mit verschiedenen Materialien arbeiten und den fertigen Objekten meine Seele einhauchen.
Ja, ich hoffe, daß ich noch ganz viele Sachen mache.
... wenn ich dir so zuhöre, dann glaube ich, bist du mehr wild als alt...

weise
Jetzt haben wir noch den letzten, den weisen Stein.
Ich hoffe natürlich, daß ich irgendwann in meinem Leben weise werde.
Ich versteh unter weise, endlich mal zu akzeptieren, daß es einen Grund gibt, warum ich so bin wie ich bin. Also aufzuhören, mit mir zu hadern und mir Sachen vorzuwerfen. Mich einfach zu loben, das innere Kind in mir zu loben und zu sagen: guck mal, was du schon geschafft hast und was du gelernt hast.

Dass ich liebevoller mit mir umgehe. Denn wenn ich mit mir liebevoll umgehe und Verständnis für mich habe, dann kann ich auch für Menschen und Tiere und Pflanzen und für alles mehr Verständnis entwickeln und liebevoller mit ihnen umgehen. Aber ich muß bei mir anfangen.
Das möchte ich gerne erreichen. Das verstehe ich unter weise. Mich einfach so zu akzeptieren wie ich bin. Aufzuhören, von anderen Sachen zu erwarten. Offen zu sein und frei zu sein und das, was andere mir geben, als Geschenk anzunehmen. Ohne Erwartungshaltung.
Von außen kann man ja schon faltig werden und altern, aber vielleicht ist das Innere ja das, was zählt.

Den Freund ziehen lassen, wenn er ziehen will. Wenn das sein Leben ist, dann ist das sein Leben. Und gleichzeitig darauf zu achten, dass mein Leben nicht zu kurz kommt. Dass ich den anderen so leben lassen kann wie er will, aber gleichzeitig so lebe, wie ich es gerne möchte.
Je älter ich werde, umso mehr brauche ich meinen Freiraum. Zeit für mich und meine Umgebung.
Vielleicht auch mich als Frau anzunehmen mit meinen ganzen weiblichen Eigenschaften. Ich möchte gerne das Männliche und das Weibliche in mir integrieren. Vielleicht ist das Wilde irgendwas männliches und das Weise etwas weibliches, ich weiß nicht...