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Eva Maria Glasmacher
( geb. 1959 in Dortmund)
Eva macht seit 1988 Musik, Theater, Bewegungs- und Straßentheater. Sie hat sowohl die Theatergruppe Les Frites Foutues mitgegründet als auch die aktuelle Gruppe PasParTout
Mehr darüber unter: www.PasParTout.de.
Unser Gespräch fand im Februar 2006 an einem Sonntagmorgen statt.

alt
... ich sitz jetzt hier, obwohl ich noch ziemlich jung bin.
Allerdings empfinde ich mich nicht als wirklich jung, sondern eher als mittelalt.
Ich bin auf das Thema gestoßen worden, weil ich vor zwei Jahren erkrankt bin. An Brustkrebs.
Und über das Thema Tod und über eine Lebensperspektive mit der Überlebenschance, die für mich sehr groß ist, habe ich mich also jetzt ein bißchen verfrüht mit dem Thema Alter beschäftigt.
Also nicht wirklich beschäftigt, aber es ist mir präsent.
Je mehr ich darüber nachdenke, diese Krankheit zu überstehen und danach weiterzuleben, desto mehr kommt jetzt auch das Alter. Und wenn ich alt werden will, dann muß ich das eben auch leben.

Und das will ich.
Wobei ich natürlich nicht an Gebrechlichkeit denke.
Ich stell mir eher vor, ziemlich lange gesund zu bleiben und ziemlich lange das Leben zu genießen. Wobei mir klar ist, dass Veränderungen stattfinden werden.
Und ich bekomme auch nicht, wie mein Vater, irgendwann eine Rente, worauf ich mich ausruhen könnte. Sondern ich muß weiter produktiv bleiben.
Kreativ zu sein ist die Kunst, alles, was man weiß, wieder wegzulassen.
Und das finde ich eine ganz spannende Sache.
Auszuloten immer wieder ganz für mich selbst sensibel, wie beweglich bin ich denn noch, was kann ich noch machen, wie kreativ bin ich…vielleicht werde ich auch kreativer, also auf geistiger Ebene habe ich ein ziemlich positives Gefühl.
Auf körperlicher Ebene, denke ich, muß ich versuchen, meinen Körper zu pflegen und zu trainieren und beweglich zu halten. Und wenn es aber wirklich nicht mehr geht an manchen Stellen, die dann auch zurückzunehmen.

Aber auf körperlicher Ebene bin ich geübter. Das ist kein neues Gebiet für mich. Ich kenne es, dass man mit Gymnastik daran arbeiten kann und wie man das macht, mit Yoga und Bewegung. Weil ich ja auch sehr stark körperlich arbeite im Theater. Wir machen ja kein Sprechtheater.
Und geistig finde ich, ist es ein viel größeres Abenteuer.
Natürlich auch mit Angst besetzt.

Weil die geistigen Veränderungen... also es werden welche kommen... ich glaube, dass es einfach so sein wird, dass sich die Denkweise verändert und die spirituellen Interessen.
Ja und mit der Kreativität bin ich mir nicht sicher.
Da habe ich auch kein Bild zu. Keine Ahnung.
... möchtest du vielleicht spekulieren?...
Ich hoffe, dass es wächst…durch mehr Mut zum Beispiel. Denn was sich wirklich grundlegend und auch ganz knallhart faktisch verändert ist ja die Lebenserwartung, also das, was man noch erwartet zu leben. Und das Gefühl für die eigene Endlichkeit. Und das gibt ja auch Freiheit. Man hat nicht mehr soviel zu verlieren.
... und man hat ja auch viel an Erfahrung angesammelt...
... Kreativität ist für mich, das loszulassen, was man an Erfahrung hat, was man an Wissen hat. Ich glaube, es gibt auch viele Menschen, die haben einmal eine Erfahrung gemacht und dann ist das Thema für die fertig.

Und das schränkt Kreativität ein. Deshalb ist es auch oft so, dass man sagt, die Leute im Alter sind nicht mehr beweglich.
Und kreativ zu sein ist die Kunst, alles, was man weiß, wieder wegzulassen. Zum Entwickeln, und zum Kreativ-mit-Dingen-umgehen ist Einfach-mal-weglassen gut.
Und trotzdem glaube ich, dass die Kreativität auch wachsen kann im Alter, weil man eben... aber was heißt man... ich.
Und da steh ich manchmal vorm Spiegel und lach mich an, und wenn ich lache, dann ist alles schön.
Ich hab das Gefühl, wenn ich älter werde, muß ich nicht mehr auf Dingen bestehen. Ich muß nicht mehr so auf Prinzipien reiten. Meine Freiheit wächst. Dadurch, dass ich nicht mehr das ganze Leben vor mir habe und alles gestalten muß.
Dass ich das so spüren kann ist nach der Krankheit gekommen, als ich angefangen habe, mich damit auseinander zu setzen.
Wo ich auch gemerkt habe, ich hab ganz viel Angst vorm Sterben. Und das möchte ich überhaupt nicht.

Und dann hab ich gemerkt, wenn ich mich damit auseinander setze, mich versuche anzunähern, auch gefühlsmäßig, was könnte das denn sein: sterben?... und dass dann die Angst nachläßt.
Und darüber kommt Freiheit auf.
Obwohl mit 46 kann man sich auch noch ganz jung fühlen, und ich fühl mich auch jung. Ich fühle beides.

Und was auch alt ist, ist wenn ich in den Spiegel gucke und merke, ich werde jetzt runzelig, die Haare werden grau.
... und wie fühlst du das...
Das ist auch nicht immer gleich.
Also ich müßte das nicht haben. Es ist nicht so als ob ich das begrüße. Dann würde ich lügen. Ich finde schon schön so glatte junge Haut und pralle Backen, aber ich versuche halt, es zu begrüßen.
Und da steh ich manchmal vorm Spiegel und lach mich an, und wenn ich lache, dann ist alles schön.
Es gibt ein Kabarettprogramm, ich hab es noch nicht gesehen, und mir fällt jetzt auch der Name nicht ein, aber den mag ich gerne und der hat einen Spruch gebracht, und so heißt jetzt auch das ganze Programm: Reich ins Heim.
Früher wollten die Leute „Heim ins Reich“ und heute wollen sie „Reich ins Heim“.

Und es ist ja so, ich habe keinen Krieg erlebt und ich hab auch keinen sozialen Einbruch bisher erlebt, im Gegenteil, ich fühl mich sehr priviligiert, was die Art betrifft, wie ich mein Geld verdiene.
Ich spiele Theater, mach Musik und das funktioniert, ich krieg Geld darüber rein. Aber wenn ich im Alter unproduktiv werde, muß ich damit rechnen, dass ich den sozialen Einbruch noch erlebe. Selbst wenn das Rentensystem stabil bleiben würde, hätte ich nicht genug eingezahlt.
Ich werde auch, wenn jetzt nicht der ganz große Einbruch kommt, ein bißchen was bekommen, so daß ich ein bißchen weniger arbeiten muß als jetzt, aber ich werd was tun müssen.
Und ich bekomme auch nicht, wie mein Vater, irgendwann eine Rente, worauf ich mich ausruhen könnte.

“Ja klar, wir kriegen keine Rente“ alle sagen das so, aber sie habens nicht wirklich für sich angenommen. Viele nicht, jedenfalls nicht die in meinem Alter.
Mittlerweile kann ich das so akzeptieren. Für mich ist es eben nicht so, dass irgendwann das Berufsleben zu Ende ist, und dann kommt die Rente. So wird es für mich nicht sein.
Das ist natürlich auch manchmal angstbesetzt. Denn es kann natürlich auch schief gehen. Aber eigentlich freu ich mich drauf.
Und ich bin dann ja auch mit meinem Alter en vogue, also ich bin ja am Puls der Zeit.

wild
... auch ein schöner Stein... der sieht sehr kämpferisch aus…mit den roten Punkten.
Wildheit im Alter stell ich mir so vor, dass man kreativ damit umgeht und sich von den Konventionen nicht in ein ganz bestimmtes Bild pressen läßt.
Sich die Freiheit zu nehmen, anders zu sein als von einem erwartet wird.
Aber was das genau ist, das weiß ich nicht.
... Kennst du das nicht schon?
Doch. Das ist eher eine Erfahrung aus meiner Jugend. Jetzt im Moment empfinde ich das nicht so stark. Als ich jung war, habe ich ganz tiefgreifende und wichtige Erfahrungen damit gemacht. Dass ich einen anderen Beruf gewählt habe als von mir erwartet wurde, dass ich gereist bin zum Beispiel, was von meinen Eltern nicht begrüßt wurde. Und nachdem ich mich dann für meine Art zu leben entschieden hatte, habe ich eher Erwartungen erfüllt, also dass ich funktionierte und dass ich nicht auf fremde Hilfe angewiesen bin, dass ich mich damit auch durchs Leben bringe.

Ich habe schon das Gefühl, dass jetzt auch wieder eine neue Zeit anbricht. Dass ich wieder unangepasster bin. Und das muß ja nicht negativ sein, aber überraschend.
Eigentlich bringt man ja wild nicht in Zusammenhang mit Alter. Das ist ja schon aus der Norm heraus, das miteinander in Verbindung zu bringen.
Und für mich ist Wildheit eben Kreativität. Sich frei zu machen und Dinge trotzdem noch neu sehen zu können. Was alten Leuten viel abgesprochen wird.
Wo ich aber glaube, dass das noch wachsen kann, bis zum Ende.
Wild bedeutet ja auch im Prinzip: nicht kultiviert. Also nicht gezähmt.

Ich hab das Gefühl, wenn ich älter werde, muß ich nicht mehr auf Dingen bestehen.

Aber als alter Mensch zu versuchen jung zu wirken, das ist auch nicht wild, das ist dann wieder auf eine andere Art gezähmt.
Wild ist, wenn man versucht, ein neues Bild zu schaffen, ein wildgewachsenes.
... ich habe das Gefühl, dass du dir die wilde alte Eva ganz gut vorstellen kannst...
... ja, die kann ich mir gut vorstellen... also wenn ich in diese Richtung gehen könnte, dann würde mich das auch froh machen. Das würde mich glücklich machen
... das würde auch zu dir passen... oder?...
Ja, hoffe ich.

weise
Weiß ich ehrlich gesagt nicht genau, was das ist.
Ich glaub weise ist, wenn man nicht festgelegt ist. Wenn man zuhören kann und Neues sehen kann und wenn man, was im Alter wahrscheinlich einfacher ist, nicht vorschnell urteilt. Toleranz gehört dazu. Wäre schön, wenn alte Leute das hätten.
Weise! Das ist ganz weit weg.

Würdest Du es für dich wünschen, dass die alte wilde Eva auch weise sei?
Ja, so wie ichs grad beschrieben habe, das würde ich mir schon wünschen.
Und dann interessiert mich noch, ob du in dem Leben, wo du jetzt bist, manchmal einen Anflug von Weise- sein spürst?
Also wenn das Weise-sein ist, was ich spüre, dann am ehesten da, wo ich Dinge so sein lassen kann wie sie sind, ohne mich einmischen zu müssen. Aber das hört sich jetzt so an, als würde ich Weisheit für das halten, wenn man sich raushält.

Wildheit im Alter stell ich mir so vor, dass man kreativ damit umgeht und sich von den Konventionen nicht in ein ganz bestimmtes Bild pressen läßt.

So meine ich das nicht. Sondern Gelassenheit vielleicht. Und auf den rechten Zeitpunkt warten zu können.
Bereit sein, sich einzumischen, aber es nicht erzwingen wollen.
... also für mich ist das schon ein Aspekt von Weise- sein...