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Renate Friedrich
(geb. 1953)
Das Gespräch führten wir im November 2005 in Rodalquilar, im Naturpark Cabo de Gata, nach einem Spaziergang.

alt
... ich hab den Stein für alt...
... also an gewissen Stellen finde ich es befreiend, alt zu werden oder älter zu sein. Älter zu sein bedeutet für mich auch, mehr zu mir gekommen zu sein, bedeutet für mich, freier zu sein.
Ja und älter geworden zu sein gefällt mir eigentlich gut.
Das einzige, was mir nicht dabei gefällt, ist die äußerliche Veränderung.
Aber gut, gehört nun halt auch dazu.
Ansonsten zu alt fällt mir noch ein, dass mein großer Wunsch ist, Alt und Jung zusammen zu bringen, und eben nicht, wie das jetzt in Deutschland ist, da wird das grad so sehr thematisiert, wie groß doch die Last der Alten ist, die Rentenversicherung zum Beispiel, und die Alten, denen es noch so gut geht, und die Jungen, die dafür zahlen müssen, und so weiter, und da wird das grad so ein bißchen geschürt, finde ich.

Und da denke ich gehts drum, einen Gegenpol zu setzen, und Alt und Jung zusammen zu bringen.
Zum Beispiel gibts einen Kindergarten irgendwo in Berlin oder um Berlin herum, also Kindergarten und Seniorentagesstätte zugleich. Und dort betreuen eben die Omas und die Opas die Kinder mit, und die Kinder
Ich hab eigentlich überhaupt keine Zeit, alt zu werden.
genießen das sehr. Und die Omas und Opas genießen das auch sehr und können halt auch da noch ihre Werte vermitteln. Und die Kinder sind da sehr dankbar für, und es ist ein sehr natürliches Miteinander.
Und das wünsch ich mir eigentlich, dass Alt und Jung wieder mehr zusammen kommen und wieder mehr auch Gemeinsamkeiten entdecken und leben. Das wäre für mich zum Beispiel sowas, wo ich mir vorstellen könnte, mich da mehr einzubringen.
Ja und alt, ansonsten, alt denk ich, gut... wer rastet, der rostet...
... hast du eine Vorstellung von dir als alte Frau?...
... also es ist ja das erste Mal, dass ich mir so darüber Gedanken mache, aber wenn ich mich da so reindenke, dann hab ich das Bild vor mir: als alte Frau irgendwo in Ruhe in irgendeinem kleinen Häuslein zu sitzen in der Natur, und…ja eben in Ruhe zu sein. Aber es ist mir ja jetzt schon wichtig, in Ruhe zu sein.
Und ich glaub auch, das Wilde nicht zu leben, das wäre mein Ende.
Ich liebe die Ruhe. Und ich liebe es auch, allein zu sein... nicht nur, aber das hab ich schon sehr gerne.
Ansonsten denke ich, es geht viel mehr darum, was man macht und wie man sein Leben gestaltet. Und ich glaub auch, dass das altersunabhängig ist.
Also ich kann mit dreißig schon unglaublich alt sein, und ich kann mit achtzig noch ungeheuer jung sein.
Und ich glaub einfach, es geht darum, sein Leben zu gestalten und nicht zu stagnieren, sondern weiter zu gehen. Neue Dinge zu erobern, sich mit Neuem zu beschäftigen, neue Projekte anzugehen und eben nicht stehen zu bleiben und zu sagen: ja ich bin alt, und jetzt ziehe ich mich auf meinen Ruhesitz zurück, mache nichts mehr außer, was weiß ich, meinetwegen Fernsehn gucken.
Aber auf alle Fälle wünsch ich mir sehr, dass ich weise werde.
Vorher kam mir so der Gedanke:
Ich hab eigentlich überhaupt keine Zeit, alt zu werden.
Ich hab auch keine Zeit, mir darüber wirklich Gedanken zu machen, oder da in eine Krise zu kommen. Weil ich ständig mit irgendwelchen Projekten oder irgendwelchen neuen Ideen zu tun hab.
Ich hab da was ganz interessantes mal gehört, da muß ich jetzt mal gucken, das fand ich einen sehr guten Spruch, den hab ich hier irgendwo in meinem Notizbuch... jetzt muß ich aber grad mal suchen... da gehts nämlich um das Älterwerden... also hier ist es, genau: „Die Tragödie des Alters beruht nicht darin, dass man alt ist, sondern dass man jung ist“.
Also natürlich wirst du jahresmäßig älter, und natürlich sammelst du mehr Erfahrung, und natürlich werde ich reifer, und ich hoffe natürlich auch, reifer zu sein, ja? Aber letztendlich bin ich innerlich immer noch jung.
Und gut, jetzt bin ich zwoundfünfzig, aber ich könnt jetzt genau so gut sagen, ich bin achtunddreißig. Es ist unbedeutend,
An gewissen Stellen finde ich es befreiend, alt zu werden.

eigentlich... so diese Zahl.
Ja also jedenfalls: Ran ans Alter!.... einfach machen... und Krisen find ich auch nicht notwendig.

wild
... wild! wild!... born to be wild! Und das ist es, und das ist mein Leben!
Born to be wild. Und das wird auch so bleiben.
Ich war immer ne Wilde und ich werd auch immer ne Wilde bleiben. Und auch als alte Frau werde ich immer noch meine wilde Seele haben, und mein wildes Leben.
Unbändig!
Mein Tier ist zum Beispiel das Zebra. Ein Zebra kannst du nicht zähmen. Und ein Zebra kannst du nicht dazu bewegen, dass du auf ihm reiten kannst. Das wirft jeden Reiter ab.

... das beschreibt dich…damit fühlst du dich beschrieben...
Ja ein bißchen zumindest. Ja, das bin ich, also was heißt bin ich?...
... ist die wilde Renate anders im Alter als die junge?
Ja natürlich ist es anders. Es ist ja jetzt schon anders.
Also die wilde Renate von vor dreißig Jahren, da war ich ja wirklich ne ganz wilde Renate, und ich finde mich immer noch wild, so wie ich mein Leben lebe oder auch was in meiner Gedankenwelt so vor sich geht.
Älter zu sein bedeutet für mich auch, mehr zu mir gekommen zu sein.

Und ich denk mal, das Wilde wird natürlich weiterhin bestehen, es wird nur... es wird sanfter.
Sanfter und auch friedfertiger.
Aber das Wilde ist immer da. Und ich glaub auch, das Wilde nicht zu leben, das wäre mein Ende. Das glaub ich wirklich. Also mich jetzt irgendwie in so eine Position zu begeben, meinetwegen, ich sag es mal, weil es für mich das Gegenteil von wild ist... als Hausfrau irgendwo zu

sein, also ich fand das noch nie gut, hab ich auch noch nie gemacht, wollte ich nie machen, werd ich wahrscheinlich auch nie machen.
Weil das ist gebändigtes Wildsein.
Ja wild sein heißt auch, eigenständig zu sein. Also ich möchte mich nie an einen Partner so anpassen, weißt du, so dass ich mein eigenes Wesen quasi wegpacke. Das ginge auch garnicht.

Es geht darum, sein Leben zu gestalten und nicht zu stagnieren.

weise
... weise... weise... wer wollte es nicht sein?...
Ja ich hoffe... ich hoffe darauf.
Ja das ist ja auch in Verbindung mit Alter... weise... da gibts doch auch dieses Wort Altersweisheit, und ich denk mal, für mich hat es was Besänftigtes, aber nicht Gezähmtes.
Also eine Weisheit:... sich selbst auch nicht mehr so wichtig zu nehmen.
Ich kann zu Weisheit schwer was sagen, das merk ich grade.
Aber auf alle Fälle wünsch ich mir sehr, dass ich weise werde.
So in manchen Teilen finde ich mich ja schon weise... ja, doch...
Vielleicht kann ich ja zu weise in zehn Jahren mehr erzählen.
... ich komm in zehn Jahren wieder, das versprech ich dir...

Ran ans Alter!...einfach machen.…und Krisen find ich auch nicht notwendig.