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Unser zweites
Porträt-Gespräch war im Juni 2006 in Marienberg.
Annas Mutter war zu Beginn des Jahres gestorben und
mich interessierte zu erfahren, wie sich dadurch ihr
Leben verändert hatte.
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Zweites Porträt-Gespräch
Am sechsten Februar (2006) ist meine Mutter gestorben,
und für mich war es sehr schön, sie
begleiten zu können, so wie ich es ihr auch
versprochen hatte.
Es war sehr bewegend. Es hat sich sehr stimmig
und gut angefühlt. Auch mit all dem, was
danach noch war.
Konntest du mit ihr sprechen?
Nein. Schon lange nicht mehr. Das war nicht möglich.
Aber wir haben schon lange auf einer anderen Ebene
kommuniziert. Das war schon geübt. Über
Berührung. Und ich habe zu ihr gesprochen.
Mit lauter Stimme?
Ja. Ich bin dann ja auch noch eine ganze Weile
bei ihr geblieben, als sie schon tot war. Und
es war für mich insofern sehr bewegend als
ich gemerkt habe, ich kann jetzt nur noch die
Liebe für sie spüren und ich bin die
Sorge los. Das war sehr befreiend.
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| Und
dieses Gefühl von Befreiung, dass
sie sicher auch gehabt hat nach meiner
Weltanschauung, aus diesem alten und
nicht mehr funktionsfähigen Körper
raus zu dürfen, in den die Seele
so lange eingesperrt war, so viele Jahre
jetzt, dass wir beide die Befreiung
gespürt haben. |
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Kam das schnell, das Gefühl
der Befreiung nach ihrem Tod?
Ja. Das kam sehr schnell. Ich weiß nicht
wie lange es gedauert hat. Ein, zwei Tage. Ich
habs ansatzweise schon gespürt, als ich neben
meiner toten Mutter saß. Da konnte ich mitfühlen,
so gehts ihr jetzt und so gehts mir jetzt.
Ich habe versucht, sie gemäß dem, was
ich über den nachtotlichen Zustand weiß,
zu begleiten.
Hast du auch noch laut mit
ihr gesprochen als sie schon tot war?
Ich habe ihr laut das Johannesevangelium vorgelesen.
Erschwerend war in der Situation, dass in dem
Zimmer noch eine sterbende Frau lag, das war etwas
belastend für mich, dass ich nicht allein
sein konnte mit ihr. Aber ich habe mich dann einfach
nicht irritieren lassen. Ich habe mich um die
andere Frau auch immer ein bisschen gekümmert
und bin dann einfach bei meiner Mutter gesessen
und habe mir gedacht, was für die eine gut
ist, ist sicher auch gut für die andere.
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Da bin ich mir relativ sicher, dass
in diesem Zustand die Grenzen sich auflösen.
Ja und ich musste nicht sehr viel regeln,
weil ich alles schon geregelt hatte.
Es war schon alles mit dem Bestattungsamt
abgesprochen, so dass ich nur noch terminliche
Sachen regeln musste mit dem Pfarrer,
und das andere hat das Bestattungsunternehmen
gemacht, die Einäscherung zu organisieren
und was da so alles angestanden hat. |
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| Mein
Tag ist gefüllt wie immer. |
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Ja und dieses Gefühl von
Jetzt-frei-sein, das hat sich in mir sehr breit
gemacht.
Und ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Ich
wusste, das ist ihr Gefühl und es ist meins,
und genauso wünscht sie sich das auch. Denn
es war ihr immer eine schreckliche Vorstellung,
ich könnte mich angebunden fühlen oder
sie könnte mir zur Last fallen.
Sie war mir keine Last, das kann ich ehrlich sagen,
aber es war anstrengend. Diese doch fast sieben
Jahre, die ich sehr hautnah mit ihr verbracht
habe.
Und was ich gespürt habe ist: ich habe Drang:
raus, weg!
Du?
Ich. Mal nicht mit der Frage: wie gehts der Mutti?
Ist jemand da, der sie regelmäßig besucht?
Dazwischen immer anrufen, was ist mit ihr los?
Sondern einfach loslegen können.
Ich hatte mich doch lange mit Alter und Tod beschäftigt.
Und jetzt habe ich gemerkt, dass da auf einmal
ein neuer Antrieb gekommen ist, ich habe mich
jünger gefühlt.
Zuerst war da so ein Gefühl: jetzt bin ich
an der Front. Das war das erste und es ist sehr
schnell weggegangen und hat einem Gefühl
Platz gemacht: jetzt bin ich frei.
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Ich
erlebe dich als sehr kraftvoll.
Ja. Ich bin seitdem auch körperlich
gesünder. Ich hatte einen ewigen
Infekt, den ich kurz nach ihrem Tod
losgeworden bin. Der hat sich jetzt
noch mal gemeldet, aber es ist kein
Vergleich zu früher. Ich habe wirklich
etwas abgeschlossen. Und habe den Eindruck,
ich gehe kraftvoll und gesund weiter.
Und das ist ein wunderbares Gefühl,
und Andreas unterstützt mich auch
sehr darin, meine Freiheit jetzt zu
nutzen. Er hält mich überhaupt
nicht fest. Und ich nutze sie weidlich. |
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| Ich
habe gern das Gefühl, mitten im
Leben zu stehen. |
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Beschreib
mal wie du sie nutzt.
Ich nutze sie so, dass ich einfach viel weg fahre.
Ich bin eigentlich immer eine Reisetante gewesen.
Ich muss ab und zu raus. Ich glaube das kommt noch
aus der Zeit meiner Kindheit, wo ich ja viel Zeit
auf der Straße verbracht habe, also weg von
zuhause, und das war immer auch eine Zuflucht, nach
draußen, also nicht nach drinnen sondern nach
draußen. Und ich bin immer gern verreist.
Und ich habe das große Glück, in dem
Moment, wo ich aus dem Haus bin, vergesse ich alles,
was an Pflichten zuhause liegt. Es interessiert
mich nicht mehr. Es ist meine Möglichkeit,
frei zu werden von all dem alltäglichen Kram,
und das ist nicht wenig, was an mir hängt.
Aber ich bin draußen und es interessiert mich
nicht mehr, ich kann mich da niederlassen, wo ich
grade bin, und kann es genießen und kann es
mir schön machen mit anderen, auch mit Rückzug.
Aber das ist ein anderer Rückzug als hier,
wo ich ja doch immer auf Abruf bin, in gewisser
Weise. Jetzt nicht mehr für die Omi. Aber so
lange ich noch berufstätig bin wird das auch
so bleiben.
Ich führe jeden Tag sehr lange Telefonate,
viele Menschen rufen an, es sind bestimmt zwei
Stunden pro Tag, die ich am Telefon hänge
für Beratungsgespräche.
Hast du für dich eine Vorstellung, wie
lange du beruflich tätig sein möchtest.
Oder lässt du das ganz offen?
Ich lass das ganz offen. Solange ich es noch schaffe.
Solange ich den Eindruck habe, ich rede keinen
Stuss, oder mir keiner deutlich macht, ich rede
Stuss, und das hoffe ich, dass ich diejenigen
dann finde, die mir das sagen.
Solange möchte ich auch arbeiten, reduziert,
aber ich habe kein Bedürfnis, aus dem Arbeitsprozess
raus zu gehen, weil es für mich so erfüllend
ist, und ich sehe gar nicht ein, warum ich aufhören
soll.
Das ist ganz klar, das möchte ich weiter
machen. Andreas auch. Das ist für uns beide
klar.
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Ich schau grad noch, was sich in
meinem Leben verändert hat.
Ich frage mich manchmal, wo ist jetzt
die Zeit, die ich für die Omi
aufgewendet habe. Ich weiß es
nicht. Mein Tag ist gefüllt wie
immer. Aber mein Tag war schon immer
gefüllt, und ich denke, in gewisser
Weise wird das auch so bleiben.
Ich werde langsamer, also ist er trotzdem
voll genug, auch wenns weniger ist.
Aber es ist für mich auch in
Ordnung. Ich habe gern das Gefühl,
so mitten im Leben zu stehen. Ich
möchte offen sein für meine
Enkelkinder und für die Kinder,
wenn sie mich brauchen. Das ist alles
sehr erfüllend für mich.
Und, ich meine, die Kinder brauchen
mich weniger, die Enkelkinder mehr.
Die Kinder brauchen mich für
die Enkelkinder.
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Ja, ich finde mein Leben nach wie vor sehr erfüllend,
aber leichter. Es hat ein Stück Leichtigkeit
zurückbekommen. Und das empfinde ich als
sehr angenehm.
Und eigentlich bin ich immer in Verbindung mit
meiner Mutter, von der ich das auch ganz deutlich
wahrnehme. Ich bin da sehr in Kontakt. Dass sie
auch erleichtert ist, und ihre Seele befreit ist.
Und in diesem Kontakthalten helfen mir die vielen
Jahre, die ich mich mit Tod und Nachtod und dem
tibetischen Totenbuch beschäftigt habe.
Hast du Rituale, die du einsetzt, um den Kontakt
zu halten?
Ich habe nicht sehr viele Rituale. Ich beziehe
sie in der Meditation mit ein, da gehört
immer ein Teil den Verstorbenen, und ich denke
oft an sie, sie fällt mir bei ganz Vielem
ein. Daran merke ich, wie sehr sie mit meinem
Leben verbunden ist. Ich hatte sechsundsechzig
Jahre eine Mutter, und das ist sehr lang.
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erstes Porträt-Gespräch
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