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Anna Späthling-Stadter
(geb.1940 in Würzburg)

 

Unser zweites Porträt-Gespräch war im Juni 2006 in Marienberg. Annas Mutter war zu Beginn des Jahres gestorben und mich interessierte zu erfahren, wie sich dadurch ihr Leben verändert hatte.

Zweites Porträt-Gespräch
Am sechsten Februar (2006) ist meine Mutter gestorben, und für mich war es sehr schön, sie begleiten zu können, so wie ich es ihr auch versprochen hatte.
Es war sehr bewegend. Es hat sich sehr stimmig und gut angefühlt. Auch mit all dem, was danach noch war.

Konntest du mit ihr sprechen?
Nein. Schon lange nicht mehr. Das war nicht möglich. Aber wir haben schon lange auf einer anderen Ebene kommuniziert. Das war schon geübt. Über Berührung. Und ich habe zu ihr gesprochen.

Mit lauter Stimme?
Ja. Ich bin dann ja auch noch eine ganze Weile bei ihr geblieben, als sie schon tot war. Und es war für mich insofern sehr bewegend als ich gemerkt habe, ich kann jetzt nur noch die Liebe für sie spüren und ich bin die Sorge los. Das war sehr befreiend.

Und dieses Gefühl von Befreiung, dass sie sicher auch gehabt hat nach meiner Weltanschauung, aus diesem alten und nicht mehr funktionsfähigen Körper raus zu dürfen, in den die Seele so lange eingesperrt war, so viele Jahre jetzt, dass wir beide die Befreiung gespürt haben.
Ich denke oft an sie.

Kam das schnell, das Gefühl der Befreiung nach ihrem Tod?
Ja. Das kam sehr schnell. Ich weiß nicht wie lange es gedauert hat. Ein, zwei Tage. Ich habs ansatzweise schon gespürt, als ich neben meiner toten Mutter saß. Da konnte ich mitfühlen, so gehts ihr jetzt und so gehts mir jetzt.
Ich habe versucht, sie gemäß dem, was ich über den nachtotlichen Zustand weiß, zu begleiten.

Hast du auch noch laut mit ihr gesprochen als sie schon tot war?
Ich habe ihr laut das Johannesevangelium vorgelesen.
Erschwerend war in der Situation, dass in dem Zimmer noch eine sterbende Frau lag, das war etwas belastend für mich, dass ich nicht allein sein konnte mit ihr. Aber ich habe mich dann einfach nicht irritieren lassen. Ich habe mich um die andere Frau auch immer ein bisschen gekümmert und bin dann einfach bei meiner Mutter gesessen und habe mir gedacht, was für die eine gut ist, ist sicher auch gut für die andere.

Da bin ich mir relativ sicher, dass in diesem Zustand die Grenzen sich auflösen.
Ja und ich musste nicht sehr viel regeln, weil ich alles schon geregelt hatte.
Es war schon alles mit dem Bestattungsamt abgesprochen, so dass ich nur noch terminliche Sachen regeln musste mit dem Pfarrer, und das andere hat das Bestattungsunternehmen gemacht, die Einäscherung zu organisieren und was da so alles angestanden hat.
Mein Tag ist gefüllt wie immer.

Ja und dieses Gefühl von Jetzt-frei-sein, das hat sich in mir sehr breit gemacht.
Und ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Ich wusste, das ist ihr Gefühl und es ist meins, und genauso wünscht sie sich das auch. Denn es war ihr immer eine schreckliche Vorstellung, ich könnte mich angebunden fühlen oder sie könnte mir zur Last fallen.
Sie war mir keine Last, das kann ich ehrlich sagen, aber es war anstrengend. Diese doch fast sieben Jahre, die ich sehr hautnah mit ihr verbracht habe.
Und was ich gespürt habe ist: ich habe Drang: raus, weg!

Du?
Ich. Mal nicht mit der Frage: wie gehts der Mutti? Ist jemand da, der sie regelmäßig besucht? Dazwischen immer anrufen, was ist mit ihr los?
Sondern einfach loslegen können.
Ich hatte mich doch lange mit Alter und Tod beschäftigt. Und jetzt habe ich gemerkt, dass da auf einmal ein neuer Antrieb gekommen ist, ich habe mich jünger gefühlt.
Zuerst war da so ein Gefühl: jetzt bin ich an der Front. Das war das erste und es ist sehr schnell weggegangen und hat einem Gefühl Platz gemacht: jetzt bin ich frei.

Ich erlebe dich als sehr kraftvoll.
Ja. Ich bin seitdem auch körperlich gesünder. Ich hatte einen ewigen Infekt, den ich kurz nach ihrem Tod losgeworden bin. Der hat sich jetzt noch mal gemeldet, aber es ist kein Vergleich zu früher. Ich habe wirklich etwas abgeschlossen. Und habe den Eindruck, ich gehe kraftvoll und gesund weiter. Und das ist ein wunderbares Gefühl, und Andreas unterstützt mich auch sehr darin, meine Freiheit jetzt zu nutzen. Er hält mich überhaupt nicht fest. Und ich nutze sie weidlich.
Ich habe gern das Gefühl, mitten im Leben zu stehen.
Beschreib mal wie du sie nutzt.
Ich nutze sie so, dass ich einfach viel weg fahre. Ich bin eigentlich immer eine Reisetante gewesen. Ich muss ab und zu raus. Ich glaube das kommt noch aus der Zeit meiner Kindheit, wo ich ja viel Zeit auf der Straße verbracht habe, also weg von zuhause, und das war immer auch eine Zuflucht, nach draußen, also nicht nach drinnen sondern nach draußen. Und ich bin immer gern verreist. Und ich habe das große Glück, in dem Moment, wo ich aus dem Haus bin, vergesse ich alles, was an Pflichten zuhause liegt. Es interessiert mich nicht mehr. Es ist meine Möglichkeit, frei zu werden von all dem alltäglichen Kram, und das ist nicht wenig, was an mir hängt. Aber ich bin draußen und es interessiert mich nicht mehr, ich kann mich da niederlassen, wo ich grade bin, und kann es genießen und kann es mir schön machen mit anderen, auch mit Rückzug. Aber das ist ein anderer Rückzug als hier, wo ich ja doch immer auf Abruf bin, in gewisser Weise. Jetzt nicht mehr für die Omi. Aber so lange ich noch berufstätig bin wird das auch so bleiben.

Ich führe jeden Tag sehr lange Telefonate, viele Menschen rufen an, es sind bestimmt zwei Stunden pro Tag, die ich am Telefon hänge für Beratungsgespräche.

Hast du für dich eine Vorstellung, wie lange du beruflich tätig sein möchtest. Oder lässt du das ganz offen?
Ich lass das ganz offen. Solange ich es noch schaffe. Solange ich den Eindruck habe, ich rede keinen Stuss, oder mir keiner deutlich macht, ich rede Stuss, und das hoffe ich, dass ich diejenigen dann finde, die mir das sagen.
Solange möchte ich auch arbeiten, reduziert, aber ich habe kein Bedürfnis, aus dem Arbeitsprozess raus zu gehen, weil es für mich so erfüllend ist, und ich sehe gar nicht ein, warum ich aufhören soll.
Das ist ganz klar, das möchte ich weiter machen. Andreas auch. Das ist für uns beide klar.

Ich schau grad noch, was sich in meinem Leben verändert hat.
Ich frage mich manchmal, wo ist jetzt die Zeit, die ich für die Omi aufgewendet habe. Ich weiß es nicht. Mein Tag ist gefüllt wie immer. Aber mein Tag war schon immer gefüllt, und ich denke, in gewisser Weise wird das auch so bleiben.
Ich werde langsamer, also ist er trotzdem voll genug, auch wenns weniger ist. Aber es ist für mich auch in Ordnung. Ich habe gern das Gefühl, so mitten im Leben zu stehen. Ich möchte offen sein für meine Enkelkinder und für die Kinder, wenn sie mich brauchen. Das ist alles sehr erfüllend für mich.
Und, ich meine, die Kinder brauchen mich weniger, die Enkelkinder mehr. Die Kinder brauchen mich für die Enkelkinder.

Jetzt bin ich frei.

Ja, ich finde mein Leben nach wie vor sehr erfüllend, aber leichter. Es hat ein Stück Leichtigkeit zurückbekommen. Und das empfinde ich als sehr angenehm.
Und eigentlich bin ich immer in Verbindung mit meiner Mutter, von der ich das auch ganz deutlich wahrnehme. Ich bin da sehr in Kontakt. Dass sie auch erleichtert ist, und ihre Seele befreit ist. Und in diesem Kontakthalten helfen mir die vielen Jahre, die ich mich mit Tod und Nachtod und dem tibetischen Totenbuch beschäftigt habe.

Hast du Rituale, die du einsetzt, um den Kontakt zu halten?
Ich habe nicht sehr viele Rituale. Ich beziehe sie in der Meditation mit ein, da gehört immer ein Teil den Verstorbenen, und ich denke oft an sie, sie fällt mir bei ganz Vielem ein. Daran merke ich, wie sehr sie mit meinem Leben verbunden ist. Ich hatte sechsundsechzig Jahre eine Mutter, und das ist sehr lang.

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