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Anna
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Anna Späthling-Stadter
(geb.1940 in Würzburg)
Anna ist Lehrtherapeutin für Beziehungstherapie und leitet seit 1973 das Institut für Beziehungslernen und Beziehungstherapie in Marienberg im Kreis Rosenheim.

Anna hat drei Söhne und zwei Enkelkinder.
Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Stadter entwickeln, erforschen und lehren sie ihre Methode.
Mehr dazu unter: www.beziehungstherapie.com

Unser erstes Porträt-Gespräch war im November 2005 auf der Terrasse des Cortijo La Loma im Naturpark Cabo de Gata in Andalusien, Spanien, im Anschluß an einen Kurs für Beziehungslernen und Beziehungstherapie.

alt
Ich fang mit alt an, weil es der Reihenfolge entspricht.
Ich hab zu alt eine ganz unterschiedliche Beziehung. Einmal durch meine alte, demente Mutter, bei der ich hohes Alter mitkriege, was nicht nur durchgängig attraktiv ist wie ich das erlebe. Trotzdem kann ich die Entwicklung sehen, die darin liegt, und die Entwicklungsmöglichkeiten, und das stimmt mich wieder friedlich.
Trotzdem finde ich es nicht besonders attraktiv.
An mir stell ich fest, wenn ich mich anschaue, wie ich gealtert bin. Ich merke, dass ich langsamer geworden bin. Ich war früher sehr flott beim Arbeiten und bin heut langsamer.

Aber wenn ich meine Gefühle anschaue, bemerke ich keinen Unterschied. Also das ist ganz deutlich, dass Gefühle nicht altern, sondern ganz frisch sind und im Grunde zu allem in der Lage. Manchmal kommt ein bißchen Weisheit dazu, die die Gefühle dann auch irgendwie kanalisieren, aber im Prinzip fühle ich mich nicht alt.
Es gibt Situationen, in denen ich einfach den Unterschied merke, wenn ich mit den Kindern zusammen bin und mit den Enkelkindern.
Die äußere Wildheit hat sich gelegt.

Dann merke ich die Generationen, aber nicht unangenehm, nicht in einem unangenehmen Sinne alt, sondern einfach eine andere Generation.
Mit dem Altsein verbunden ist für mich auch mehr Zeit haben, die ich zum Teil brauche, um alles das zu suchen, was ich verlegt habe, und um meine Fehlleistungen auszugleichen. Aber insgesamt kann ich mir auch mehr Zeit lassen, es drängt nicht mehr so viel, ich bin nicht mehr so zuständig.
Ich merke auch, dass sich mit meinen Freunden und Freundinnen die Freundschaften verändern durch das Älterwerden. Dadurch, dass auch die mehr Zeit haben.

Früher war das immer... so ein Stück nebenbei, obwohl mir die Freundschaften zu pflegen immer wichtig war, aber doch nebenbei, und immer die Kinder dabei und abgelenkt, und jetzt gibts einfach Zeit für lange Gespräche, für intensiven Austausch, Lebensbegleitung sowieso, aber da ist eben mehr Luft darin.
Ich such die Gemeinschaft mit anderen.

Auch dass wir uns intensiver mit geistigen Themen auseinander setzen können, mehr Zeit auch für diesen Austausch haben.
Das alles verbinde ich mit älter werden oder alt sein, wie du willst.
Und ich genieße es sehr, zu merken, außer den Vergeßlichkeiten ist der Geist munter und rege, da merke ich eigentlich kein Alter, sondern eine große Aufgeschlossenheit für Dinge, für die ich vorher nie Zeit hatte, die aber als Bedürfnis immer schon da waren.

Jetzt zum Beispiel mich hinzusetzen und Steiner zu studieren, was mich unglaublich erfüllt. Da beziehe ich sehr viel draus. Ja, das war einfach früher alles nur nebenbei. Und jetzt ist das ein wichtiger Teil am Tag, in der Regel, auch nicht immer.
Was fällt mir noch ein zu alt?
Ja, auch dieses Langsamerwerden hat den Vorteil, mehr in den Augenblick zu kommen. Meine Pflichten stehen im Kalender und auf dem Zettel, also kann ich mich einer Sache zuwenden, die ich jetzt tun möchte.
Mein Prinzip früher war: denken tu ich hinterher!
Das hätte ich heut auch noch gern.
Natürlich schaffe ich nicht mehr so viel wie früher, bin viel langsamer, aber damit auch achtsamer, aber auch oft unter Druck. Die Vergeßlichkeit ist lästig. Ich brauche mehr Zeit zum Suchen. Die Sucherei spiegelt mir, an welchen Stellen meines Tagesablaufs ich nicht wirklich im Hier und Jetzt war, sondern mit den Gedanken woanders.
Es wäre mein Wunsch, im Altsein die Gegenwart intensiver leben zu können.
Nicht an soviel Verwaltungskram denken zu müssen, nicht an Verpflichtungen denken zu müssen, wirklich nur in dem zu sein, was ich jetzt tu, und dann das nächste anzufangen. Das ist mein Wunsch für das Älterwerden.
Ich brauch heut viele Dinge nicht mehr.

wild

Ja ich hab einen grauen Stein mit roten Punkten in meiner Hand, die wilden Punkte auf dem Grau. Und wenn ich mal schau, was wild ist in meinem Leben, dann spielt sich die Wildheit eigentlich eher innerlich ab. Die äußere Wildheit hat sich gelegt.
All die Ideen, die ich hab, oder die Einfälle oder die Pläne, die kommen, die sind immer noch so, dass sie sich nicht an Einschränkungen halten wollen, nicht altersgebunden sind, oder sich ans Alter binden wollen, nicht einsichtig sein wollen, sondern es ist mir manchmal einfach so danach nochmal richtig loszulegen. Wenn ich nicht drüber nachdenke, sondern dem nachgehe was da kommt.
Ich hab noch immer solche Einfälle von Weltverändern. Aber ich sag ja, es ist alles innerlich, es relativiert sich dann schnell, wenns da ist. Und das hab ich eigentlich schon mein Leben lang. Und das will sich immer nicht an die Gegebenheiten halten. Da lockt immer noch irgendwas gegen den Stachel.

Ich versuch ein Beispiel zu finden.
Ich geh durch ein Haus und möchte das Haus umbauen. Ich hätt ne Idee für das Haus. Es gehört mir nicht. Trotzdem.
Ich geh durch eine Landschaft und seh, was da nicht reinpasst, und ich krieg Lust, Sprengstoff zu nehmen.
Ich krieg Ideen, einfach mit meinen Farben und mit meinem Material etwas ganz Tolles zu machen. Es bleibt leider dann auch in den Ideen stecken, es setzt sich nicht um. Aber immerhin sind die Ideen da.

Ich merke einfach, ich mag mich ungern an Einschränkungen halten. Das hab ich schon ein Leben lang. Das hat mir in frühen Jahren schon ein Astrologe gesagt: du kannst keine Grenzen akzeptieren.
Und das hat auch gestimmt.
Ich hätte es allerdings nicht so ausgedrückt wie er. Er hat das negativ gesehen. Und ich hab es eigentlich als was Wesentliches empfunden, nicht ständig innerhalb von Grenzen zu denken, sondern viel umfassender, umgreifender, Grenzen auflösen. Ich wollte sie eigentlich immer weniger sprengen als auflösen. Zwischenmenschliche Grenzen. Grenzen in der Kapazität, der geistigen Kapazität, der körperlichen Kapazität.
Mein Prinzip früher war: denken tu ich hinterher!
Das hätte ich heut auch noch gern.

Ja das ist so der Bereich, wo ich was Wildes merke. Sowas, was einfach sich nicht abfinden will. Das ist auch etwas, wo ich mich auch nicht alt fühle. Also ganz im Gegenteil. Sondern Anschluß hab an die, die ich immer war. Das ist auch ein schönes Gefühl.
Aber wie gesagt, das sind die Impulse, die sich dann irgendwann relativieren, wenn das Nachdenken drüber einsetzt. Das würde jetzt wieder in die Alterssparte gehören... oder in die Weisheitssparte, wie auch immer...

Ich muß nicht alles verändern.

Es kann mich immer noch sehr bedrücken und mir schwierig werden, wenn ich junge Menschen erleb, die so eingeschachtelt leben und ihre Potenzen nicht nutzen. Es fällt mir wahnsinnig schwer, sowas zu akzeptieren. Auch wenn ich bei mir merke, ich leb eigentlich grad unter meinem Niveau. Da kommt dieses Nichtabfinden.
Wilde Ideen, die dann für jüngere Leute keine wilden Ideen mehr sind: mit älteren Frauen zusammen zu leben, oder mit älteren Ehepaaren. Einfach nochmal gemeinsam was auf die Füße zu stellen. Und das ist ja heute garnicht mehr so außergewöhnlich, solche Wohngemeinschaften. Was mich dann ärgert, auch an mir selber, ist, dass das immer an der Räumlichkeit scheitert. Und zwar Räumlichkeit insofern, dass jeder in der Nähe seines Biotops bleiben will, bei den Kindern bleiben will oder so. Ich auch. Und ich hätte die Idee, die Leute dahin zu holen, wo ich bin, und diese Ideen haben die anderen Frauen auch. Und daran scheitert dann dieser Gedanke.

Ja, also so dieses Allein-vor-sich-hinkrautern und irgendwann im Altersheim landen, will mir nicht so recht eingehen. Ich such die Gemeinschaft mit anderen. Und zwar mit Leuten, mit denen man reden kann, mit denen es Spaß macht zusammen zu sein, die auch Ideen haben und auch noch etwas wollen im Leben. Die nicht aufhören. Das klingt nicht sehr wild, aber es fühlt sich wild an.

Fällt mir sonst nochwas ein?
Ich hab einfach Interesse an jungen Leuten. Ich merk, ich mag mich nicht einfach nur mit Menschen meiner Generation abgeben, sondern mir ist der Kontakt zu den Jüngeren ganz wichtig. Ich hab eine viel jüngere Freundin, meine engste Freundin oder eine von zwei engsten Freundinnen. Das freut mich.
Ich hab gern Kontakt zu jungen Menschen. Nicht um sie mit meiner Weisheit zu beglücken, sondern um mich an ihrem Spaß mit zu freuen, an ihren Ideen, wo noch was Unverbrauchtes drin ist, eben noch nicht durch die Weisheit geflossen ist.
Das sind meine wilden Punkte. Mehr weiß ich im Moment nicht.

weise
Ja jetzt hab ich den Stein der Weisen in der Hand.
Mal schaun, was mir zum Stein der Weisen einfällt.
Alt und weise…ja, das stell ich an mir fest. Das natürlich meine Gedanken und meine Idee, die kommen, durch Metamorphosen gehen. Manchmal die einzelnen Entwicklungsstadien garnicht mehr benötigen sondern gleich bei dem ankommen, wo ich heute stehe.
Ich sehe vieles gelassener als früher.

Ich muß mich nicht mehr so aufregen, sondern ich empfinde es als wohltuend, die Dinge in den größeren Zusammenhang bringen zu können.
Die Sinnfrage, die sich immer mehr füllt, die früher eine offene Frage war und wo ich immer mehr Versatzstücke finde, was den Sinn meines Lebens ausmacht.
Und ich hab auch den Eindruck, dass ich das sehr gut in meiner Arbeit weitergeben kann, und dass meine Kinder das auch abrufen.

Ich kann mir auch mehr Zeit lassen, es drängt nicht mehr so viel, ich bin nicht mehr so zuständig.

Vor allem die weiblichen, die Dazugekommenen, die Söhne weniger, aber doch... Markus ruft mich auch manchmal an und sagt: Mami, hör dir das mal an, was hast du für ein Gefühl dabei?
Weise... ?
Vor allem Gelassenheit. Viel mehr Gelassenheit. Die Dinge kommen lassen können. Zu wissen, sie haben ihre Bedeutung, sie haben ihren Sinn, ich muß nicht alles verändern... und wie bei wild angeführt: es kommen Ideen und dann schaltet sich ein: ich nehm das, was ist, und versuch da einen Sinn rauszufinden und die Bedeutung, die Bedeutsamkeit.
Ich fühl mich irgendwie in einem viel größeren Zusammenhang als früher. Die persönlichen Grenzen und ihre Bedeutung erweitern sich, und es entwickelt sich mehr das Gefühl der Zusammengehörigkeit, mit Menschen, mit Pflanzen und Tieren und der Erde.
Also, es ist nicht so ausgeprägt, dass es mich ständig beschäftigt, aber ich krieg manchmal einen kosmischen Anflug... das würde ich auch unter weise verbuchen
Kosmischer Anflug ist, sich mit allem verbunden zu fühlen.
Zu wissen, was draußen ist, ist auch in mir.

Was in mir ist, ist auch draußen. Egal wo ich hinschaue. Der Stoff, aus dem wir sind, ist der gleiche. Der Geist verbindet sich zu einem, auch wenn er individuelle Ausprägungen hat. Aber im Wesentlichen ist es ein Geist; und es ist ein Ziel, auf das wir uns hinbewegen, von unterschiedlichsten Richtungen.
Das ist ein schönes Gefühl, und ein sehr beruhigendes, erdendes und zugleich weitendes.
Außer den Vergeßlichkeiten ist der Geist munter und rege, da merke ich eigentlich kein Alter.

Unter weise würde ich auch verbuchen, vieles nicht mehr zu brauchen, wovon ich früher gedacht hab, ich brauch es DRINGEND zum Leben.
Ich brauch heut viele Dinge nicht mehr. Sie haben nicht mehr die Bedeutung.
Ich bin dabei, mein Leben zu vereinfachen. Bin längst nicht am Punkt, aber auf dem Weg.
Ich beschäftige mich sehr intensiv mit Sterben und Tod.
Und empfinde es nicht als in die Rubrik alt gehörend, sondern in die Rubrik weise.
Ich merke, dass ich aus dem Wissen der Endlichkeit das Leben nochmal anders genießen kann. Ich freu mich auch über kleine Dinge.
... was noch über weise... ?
Ich spür einfach, dass viele Menschen meinen Rat suchen. Also wo ich jetzt nicht sagen kann, ich gebe weise Antworten, aber sie suchen und fragen mich. Dann geh ich davon aus, dass sie mich in manchem weise empfinden, sonst würden sie das nicht tun.
Die pragmatische Seite, die ich immer hatte, habe ich immer noch.
Also trotz aller Beschäftigung mit geistigen Dingen steh ich ganz gut auf dem Boden, hab Lust, Rezepte auszutauschen und Tipps, also das gehört für mich mit dazu.
Aber eben nicht nur.
Ich merke auch, was bisher in diesem Gespräch noch garnicht erschienen ist…die Weisheit in der Beziehung. Dass man sich über vieles überhaupt nicht mehr aufregt, dass die Grenzen in der Beziehung klar sind, ab und zu, wenn die wilde Phase kommt, dann löck ich nochmal gegen den Stachel, aber man müßt doch!... aber es verändert sich doch eigentlich ganz schnell. ... den anderen so zu akzeptieren wie er ist.
Unter weise verbuche ich auch zu wissen, dass diese Erzieherei keinen Sinn hat, sondern eigentlich übergriffig ist und die Freiheit des anderen beschneidet.

Das heißt nicht, dass man nicht auch mal einen kritischen Satz sagen kann.
Nur diese Erziehungsversuche: er möge doch so werden wie ich will!... dann wäre er mir natürlich stinklangweilig, das habe ich wirklich aufgegeben.
Und mehr zu genießen, was wir alles an Verbindendem haben.
Und nicht mehr um das zu feilschen, was uns nicht verbindet.
Dazu gehört für mich auch das, was ich früher als schmerzliche Grenzen empfunden habe.
Zum Beispiel eben auch, dass jeder von uns eigene Kinder hat und seine Kinde nie meine geworden sind und meine nie seine geworden sind.
Es ist mir manchmal einfach so danach nochmal richtig loszulegen.

Was ich heute total in Ordnung finde. Was aber früher manchmal ein Leidenspunkt für mich war. Ich hätte so gern eine große Familie gehabt.
Heute erlebe ich es eigentlich zum Teil eher als Entlastung.
Das nicht immer haben zu wollen und es nicht immer anzustreben…nicht mehr unnötig Kraft reinzusetzen, etwas anzustreben, was in sich nicht stimmt, sondern wir haben uns begleitet mit den Kindern, aber jeder ist zuständig für seine. Und so ist es denn auch in Ordnung. Aber immer durchaus liebevoll und zugewandt zu den anderen. Aber das war für mich lange schmerzlich.
Mir fällt ein, wohin die Weisheit noch nicht langt.
Da gibt es einen Punkt, der noch Ängste macht, so die Vorstellung, einer von uns bleibt allein zurück... und wenn es denn nach Alterskategorien gehen sollte, dann bin ich die, die übrig bleibt, was ich in dem Fall auch besser finde. Ich glaube, Andreas würde nicht überleben... ja an dem Punkt bin ich noch nicht weise... sondern beunruhigt. Denn nach so vielen Jahren des Zusammenlebens ist es wie Amputation einer Hälfte. Und die Vorstellung, das überleben zu müssen, da kann ich im Moment nur in der Vorstellung eine Reifungsmöglichkeit drin sehen... und im Gefühl wehrt sich alles dagegen, ja, da ist keine Weisheit...


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