|
Miranda
Ein alter Feigenbaum.
Ich habe ihn Miranda getauft und damit grammatikalisch
weiblich gemacht und der spanischen Sprache angepaßt.
La higuera heißt Feigenbaum.
Jedes Jahr im Winter sieht sie wie tot aus, und jedes
Frühjahr erwacht sie zu neuem Leben.
Miranda bringt im Sommer köstliche, kleine, dunkelblaue,
süße Feigen zustande. Sie sind klein, weil
Miranda nicht genug Wasser hat für große
Feigen. Sie lebt weit weg vom Dorf und kriegt nur Wasser
wenn es regnet, und hier regnet es kaum. Sie muß
irgendwie unterirdisch an Wasser kommen, denn sonst
wäre sie längst tot.
Miranda steht, nein, sie liegt mehr als dass sie steht,
oder noch besser, sie schlängelt sich am Rand eines
trockenen Flußbetts neben einem trockenen, uralten
Brunnen. Mit ihren alten Wurzeln hat sie sich so tief
geerdet, dass sie vom Wind zwar geknickt und gebrochen
aber nicht umgehauen wurde. Die Brüche, die ihr
Stamm überlebt hat, haben ihn kurvig gemacht, rauf
und runter und wieder rauf. Sie ist perfekt an das Fleckchen
Erde, wo sie wurzelt, angepasst.
Im Winter nichts als knorrige, graue Äste ohne
jedes Zeichen von Leben. Wie alle Feigenbäume.
Nur sieht Miranda so bizarr aus, weil sie nicht wie
ein Baum steht, sonder eher wie eine Holzruine rumliegt.
Und umso mehr ist es wie ein Wunder, wenn im Frühjahr
die ersten grünen Triebe an ihren grauen knorrigen
Ästen erscheinen.
Miranda ist ein Symbol für Überlebensstrategie.
Ihre Botschaft ist die der immerwährenden Anpassung
an das, was ist. Mirandas Lebenskraft scheint unerschöpflich.
Der Feigenbaum Miranda ist nur über steiniges
Land zu erreichen. Kein Weg führt zu ihr hin. Niemand
erntet ihre Feigen. Sie gehören dem, der grad vorbeikommt.
Im August abends gehe ich oft bei ihr vorbei und labe
mich an ihrem reichhaltigen Angebot
vom Baum direkt
in den Mund
und so süß
und alles
hundertprozent Natur
manche Feigen esse ich mit
Haut
ganz
wie als Kind
nur gabs da, wo
ich Kind war, keine Feigen. Den Feigenbaum kannte ich
nur aus dem alten Testament, aus der Geschichte von
Adam und Eva, die Sache mit dem Feigenblatt.
|
|
 |