Home Blog Vom Altwerden Links
Thema Porträts Über uns Kontakt

Vorwort

Innere Schönheit

Pflegen

Denken

Begehren

Miranda

 

 

 

 

Miranda

Ein alter Feigenbaum.
Ich habe ihn Miranda getauft und damit grammatikalisch weiblich gemacht und der spanischen Sprache angepaßt. La higuera heißt Feigenbaum.
Jedes Jahr im Winter sieht sie wie tot aus, und jedes Frühjahr erwacht sie zu neuem Leben.
Miranda bringt im Sommer köstliche, kleine, dunkelblaue, süße Feigen zustande. Sie sind klein, weil Miranda nicht genug Wasser hat für große Feigen. Sie lebt weit weg vom Dorf und kriegt nur Wasser wenn es regnet, und hier regnet es kaum. Sie muß irgendwie unterirdisch an Wasser kommen, denn sonst wäre sie längst tot.
Miranda steht, nein, sie liegt mehr als dass sie steht, oder noch besser, sie schlängelt sich am Rand eines trockenen Flußbetts neben einem trockenen, uralten Brunnen. Mit ihren alten Wurzeln hat sie sich so tief geerdet, dass sie vom Wind zwar geknickt und gebrochen aber nicht umgehauen wurde. Die Brüche, die ihr Stamm überlebt hat, haben ihn kurvig gemacht, rauf und runter und wieder rauf. Sie ist perfekt an das Fleckchen Erde, wo sie wurzelt, angepasst.
Im Winter nichts als knorrige, graue Äste ohne jedes Zeichen von Leben. Wie alle Feigenbäume. Nur sieht Miranda so bizarr aus, weil sie nicht wie ein Baum steht, sonder eher wie eine Holzruine rumliegt. Und umso mehr ist es wie ein Wunder, wenn im Frühjahr die ersten grünen Triebe an ihren grauen knorrigen Ästen erscheinen.

Miranda ist ein Symbol für Überlebensstrategie. Ihre Botschaft ist die der immerwährenden Anpassung an das, was ist. Mirandas Lebenskraft scheint unerschöpflich.

Der Feigenbaum Miranda ist nur über steiniges Land zu erreichen. Kein Weg führt zu ihr hin. Niemand erntet ihre Feigen. Sie gehören dem, der grad vorbeikommt. Im August abends gehe ich oft bei ihr vorbei und labe mich an ihrem reichhaltigen Angebot… vom Baum direkt in den Mund… und so süß…und alles hundertprozent Natur … manche Feigen esse ich mit Haut…ganz…wie als Kind…nur gabs da, wo ich Kind war, keine Feigen. Den Feigenbaum kannte ich nur aus dem alten Testament, aus der Geschichte von Adam und Eva, die Sache mit dem Feigenblatt.

September 2007
 
   
     
April 2009

Miranda liegt am Boden. Wahrscheinlich war es einer der Stürme im vergangenen Winter, der sie umgestürzt und umgeknickt hat. Nun ist sie tot.

 
 

Dort, wo der tote Stamm aus dem Boden kommt, wachsen sternförmig fünf dünne Feigenäste an denen üppig kleine, dunkelgrüne Feigenblätter sprießen.