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Miranda

 

 

 

 

Begehren

Alt und schön und begehren?

Unser allgemeines Verständnis von Schönheit scheint an Jungsein gekoppelt zu sein, sodass ab einem gewissen Alter allein die Idee, schön sein zu wollen oder sich gar als schön zu empfinden, abgewehrt wird. Nicht nur von Jungen, auch von uns Alten. Wie wenn die Kombination von schön und alt nicht möglich wäre.

Natürlich sieht eine schöne Siebzigjährige anders aus als eine schöne Zwanzigjährige. Und natürlich sendet die alte Schöne andere Botschaften in die Welt als die junge.
Aber wie heißen die Botschaften der Schönen? Welchen Text haben sie?

Wie geht Begehren nach der Menopause?

Und da kommt der Mann mit seinem Blick ins Spiel. Der, der die Schöne sieht und mit dem, was er sieht, in seinem Kopf etwas macht. Bildert und textet.
Natürlich macht er mit der Zwanzigjährigen etwas anderes als mit der Siebzigjährigen.
Nun könnte das, was der Männerblick sieht, uns Frauen egal sein, wenn wir unabhängig wären von männlichem Begehren. Sind wir aber nicht. Es sei denn, wir sind lesbisch. Und auch dann ist es nicht wirklich egal. Lesbische Frauen sind meist gegen männliches Begehren und wehren es ab. Weil in ihrer Begehrensstruktur Männer entweder nicht vorkommen oder aber negativ besetzt sind. Bei all den anderen Frauen spielt das Begehren des Mannes jedoch eine mehr oder weniger große Rolle, denn es wird gewünscht, gewollt, gebraucht, ersehnt und geliebt.
Und was Schönheit von Frauen angeht, so hat der Männerblick die Definition übernommen und will sie nicht hergeben.
Schöne Frauen scheinen Sache des Mannes zu sein.
Aber um die Sache des Mannes geht es hier garnicht.
Hier geht es um die Sache der Frau.
Um uns.
Da ist nichts mehr was begehrt. Alles weg.
Können wir unsere Schönheit zu unserer ureigenen Sache machen? Unabhängig werden vom Männerblick? Ihm die Definition von Schönheit rauben? Schön sein wollen ohne begehrt werden zu wollen?
Was das Begehren angeht, so tun wir gut daran, zwischen dem Begehrtwerdenwollen und dem eigenen Begehren zu unterscheiden.
Das eine kommt von außen auf uns zu und das andere kommt aus uns selbst.
Einmal sind wir Objekt des Begehrens und einmal Subjekt.
Die meisten von uns haben mehr die eine Richtung gelernt und gelebt. Frauen unserer Generation haben sich überwiegend als Objekt im Begehrensfeld eingerichtet und ihr Begehrtwerdenwollen ausgelebt. Wir haben uns schön gemacht, damit wir gesehen werden. Ob wir die Angebote, die uns gemacht wurden, angenommen haben, ist eine andere Sache.

Was sendet eine schöne Siebzigjährige?

Selbst begehren geht anders. Da wird der Mann zum Objekt. Manche haben es ausgelebt, vor allem als Ende der 1960er Jahre die freie Liebe propagiert wurde. Oft jedoch spielte es sich im Lauf einer Beziehung wieder im alten Muster ein: er das Subjekt, sie das Objekt.

Elena sagte kürzlich, es könnte so schön sein wenn es ausgeglichen wäre zwischen uns! Aber es ist selten ausgeglichen. Oft wird gekämpft. Es geht um die Begehrenshoheit, darum, wer Subjekt und wer Objekt ist. Und so haben wir im Lauf unseres bisherigen Lebens viele Schlachten auf dem Feld des Begehrens geschlagen. Wir wissen wie es sich anfühlt wenn wir verlieren und welche Konsequenzen es hat, und wir haben auch erlebt, wie es ist zu gewinnen und wie bedeutungslos ein Sieg auf dem Begehrensfeld sich anfühlen kann.
Jetzt, mit über sechzig, haben wir einen reichen Erfahrungsschatz und die meisten von uns könnten Bücher drüber schreiben.

Selbst begehren geht anders.

Was passiert nun im Spiel des Hin-und-Her-Begehrens, wenn wir alt werden?
Was heißt es für uns alte Frauen wenn es offensichtlich ist, dass wir nicht mehr als Begehrensobjekt dienen? Wenn Männer uns nicht mehr wahrnehmen und wir im Begehrensfeld an den Rand oder über ihn hinaus gedrängt werden.
Anders gefragt, aus der Sicht des Selbstbegehrens: wie geht Begehren nach der Menopause?
Ist das, was in uns ist und den Mann meint, noch Begehren, oder ist es etwas anderes?

Die Kontaktanzeigen in Zeitungen und im Internet jedenfalls zeigen, dass viele ältere Frauen einen Mann suchen. Oft, um mit ihm ins Theater zu gehen, zu reisen oder für andere Freizeitgestaltungen. Sie suchen Begleitung, wollen nicht allein sein.
Da kommt der Mann mit seinem Blick ins Spiel.
Johanna sagte letztens zu mir: ich kann mich noch so anstrengen, aber ich finde alte Männer einfach nicht attraktiv. Johanna ist achtundsechzig.
Und als ich sie fragte, worauf sie ihr Begehren richte, schaute sie mich mit großen Augen an und meinte: welches Begehren? Da ist nichts mehr was begehrt. Alles weg. Aber ich kann manchmal einen jungen Mann schön finden und weiß: der ist nicht für mich. Schade.
Sabine hingegen begehrt wie eh und je. Sie ist zweiundsechzig, geht mehrmals die Woche ins Fitnesscenter und sprüht nur so vor Lust. Auf wen? fragte ich sie. Auf Robert, strahlte sie mich an. Robert ist sechzig, und die beiden haben sich im letzten Herbst bei Parship kennen gelernt.
Hier geht es um die Sache der Frau.
Gerlinde ist seit zwei Jahren Witwe und geht viel spazieren. Neuerdings auch gern Samstagsmorgens in der Lebensmittelabteilung im Kaufhof. Wieso das denn? fragte ich erstaunt. Weil dann da soviele Männer alleine einkaufen, klärte sie mich auf, und weil ich glaube, dass ich dort mal einen kennen lerne, vielleicht an der Käsetheke oder an der Gemüsewaage. Ich will nur noch einen, der sich selbst verpflegen kann, denn ich hätte keine Lust mehr, für einen zu kochen.